Ein Roman voller nachdenklicher Momente
In drei Teilen geht es um die todbringende Diagnose des Arztes von Martin Brehm, 76, emeritierter Professor der Geschichte des Rechts und der Geschichte allgemein: Bauchspeicheldrüsenkrebs. In den ihm verbleibenden Wochen geht es weniger um ihn als Patienten, um den Verlauf dieser Krankheit, sondern eindeutig um Sorgen um die 43-jährige Ehefrau Ulla, Malerin, und um seinen stillen, schüchternen 6-jährigen Sohn David. Im 1. Teil schreibt Martin 7 Briefe für ihn mit ihm wichtigen Gedankengängen in Selbstreflexion zu Liebe, Glaube, Gott, Gerechtigkeit, Lüge und Wahrheit. Hinterlassen möchte er ihm schöne Erinnerungen z. B. an eine Tageswanderung oder über das gemeinsame Anlegen eines Komposthaufens, für ihn selbst gekoppelt an liebevolle Kindheitserinnerungen an seine eigenen Großeltern. Sein Umgang mit David ist stets liebevoll, großzügig und einfühlsam.Im 2. Teil stehen seine Frau Ulla und ihr Doppelleben im Mittelpunkt sowie Informationen über ihren vermissten Vater. Auffällig ist hier die gefühlskalte, distanzierte Figurenzeichnung der involvierten Frauen. Auch die praktische Ulla zeigt relativ wenige Emotionen gegenüber ihrem unheilbar kranken Mann, der besorgt ist wegen der Zunahme von Schmerzen und Müdigkeit.Im 3. Teil hegt Martin die Vorstellung von Gundolt, dem Liebhaber seiner Frau, als sinnvoller Ersatzvater für David. Sein Wunsch, Frau und Sohn versorgt zu sehen, scheitert im klärenden Gespräch mit ihm, wirkt extrem übergriffig und unrealistisch. Der Krebs im Endstadium mit ruhigen Wochen an der Ostsee und im Hospiz beendet in rationalem, nüchternem, eher emotionslosem Schreibstil den Roman. Verankert ist er thematisch im Bildungsbürgertum mit Museums-, Galerie- oder Büchereibesuchen, ziemlich entfernt von der heutigen Lebenswirklichkeit. Auch die liebevolle Vater-Sohn-Beziehung ist aufgrund des Altersunterschieds nicht alltäglich, eher unrealistisch. Eine stille, rationale, nüchterne Beschreibung von humanem Abschied und Überlegungen zu bedeutungsvollen Hinterlassenschaften über den Tod hinaus.