"Sich selbst anzuerkennen ist ein Akt der Liebe. Wenn Sie das nicht tun, können Sie es auch nicht von anderen erwarten - finden Sie nicht auch?"
Inhalt
Tilda Finch, eine Mittfünfzigerin, stellt eines Tages erschrocken fest, dass ihr kleiner Finger unsichtbar geworden ist. Tags darauf, ist ihr Ohr weg und die Nase verschwimmt ebenfalls immer mehr. Voller Verzweiflung begibt sie sich zu ihrer Hausärztin, die ihr die vernichtende Diagnose mitteilt: Tilda leidet an "Unsichtbarkeit", einer weit verbreiteten Krankheit unter Frauen, die besonders in der zweiten Lebenshälfte vernichtende Schäden anrichtet, im schlimmsten Fall verschwindet die Person gänzlich - eine Chance auf Heilung ist nicht in Aussicht. Mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, versucht Tilda gegen ihre Unsichtbarkeit anzugehen und versucht sowohl die Selbsthilfegruppe als auch den Meditationskurs. Nach und nach stellt sie fest, dass ihr eigenes Selbstbild so desaströs ist, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ihr Mindset auch das Äußere dominiert.
Meinung
Auf dieses Buch bin ich durch mehrer positive Rezensionen aufmerksam geworden, die Idee mit einer Krankheit, die einen derartigen Verlauf nimmt, fand ich schon mal reizvoll, ich habe mir etwas Inspirierendes vorgestellt und wie immer eine explizite Aussage gewünscht. Aber leider musste ich schon zu Beginn feststellen, das die Story wohl genau das nicht bieten wird. Besonders deutlich wurde das Missverhältnis zwischen meinen Ansprüchen und der Realität durch den gewählten Fokus: Tilda geht offensiv mit ihrer Krankheit um und bewegt sich in sehr alternativen Kreisen, so dass schon bald die Selbsthilfegruppe, die esoterisch interessierten Freundinnen und eine Mediatationsleiterin mit glamourösem Ruf die Handlung übernehmen und gemeinsam mit Tilda und dem Leser, deren Leben wieder auf die richtige Spur bringen möchten. Aber da war ich dann gänzlich das falsche Publikum.
Tildas Auseinandersetzung mit der Krankheit und den schnell gefundenen Ursachen (traumatische Kindheit, selbstzerstörerische Ehe samt Scheidungskrieg), bleiben oberflächlich. Nie stehen die wahren Gründe und das Nachdenken darüber im Vordergrund, sondern schnell wechselt man in feuchtfröhliche Barabende mit Freundinnen, die ein ach so großes Verständnis haben und gleich noch die richtigen Kontakte, um einen Lebenswandel in die Wege zu leiten. Das Augenrollen konnte ich mir an dieser Stelle nicht mehr verkneifen. Als dann auch noch ein neuer, gutaussehender, wohlhabender Mann in Tildas Leben tritt, der ihr endlich wieder einen echten Grund liefert, um auf die Beine zu kommen, war mir ganz klar: viele Klischees, eine mehr als triviale Story und dermaßen überspitze Denkansätze, das es zwar ein sich geschlossener Roman über Frauenpower und Neubeginn ist, dessen Wind der Veränderung für mich aber nur ein laues Lüftchen war.
Fazit
Hier vergebe ich lediglich 2 Lesesterne, für einen gut lesbaren, unterhaltsamen, leichten Roman, der leider so gar nicht in mein Beuteschema bzw. zu meiner Erwartungshaltung passte. Wer einen sommerlichen Text mit bildlichen Szenen und einfachen Startegien bevorzugt oder sein Leben selbst mit Mutmachsprüchen, erfolgreichen Freundinnen, perfekten Männern und motivierenden Meditationserfahrungen verbringt, findet hier möglicherweise Bestätigung oder die Klarheit darüber, dass man jede Krankheit mit dem entsprechenden Hintergrund überwinden kann. Wer einen bewegenden, tiefgreifenden Roman über innere Werte, Selbstreflexion und Denkansätze lesen möchte, der bestenfalls in Erinnerung bleibt, sollte zu einem anderen Buch greifen.