
Ein radikal neuer Ansatz zur Überwindung der politischen Spaltung
Die Welt ist in einem Dauerkrisenzustand. Und die Demokratie scheitert immer häufiger an den Grenzen unseres Gehirns. Die kognitiven Anforderungen von Inklusion, Toleranz und Diversität überfordern uns - unabhängig von der politischen Ausrichtung. Liya Yu verbindet Neurowissenschaft, Politik und ihre persönlichen Erfahrungen aus gespaltenen Gesellschaften und zeigt, wie wir mit einer neuropolitischen Strategie unsere Demokratie wieder stärken, der rechtspopulistischen Dehumanisierung Andersdenkender entgegenwirken und das Versprechen einer gerechten, inklusiven Gesellschaft einlösen können.
"Liya Yu zählt zu den wichtigsten wissenschaftlichen Stimmen in Deutschland." Brand New Bundestag, Nominierung für den Progressive Science Voices Award 2024
"Yus neuropolitische Theorie ist einer der wichtigsten Impulse für 2025." Philosophie Magazin
Besprechung vom 27.06.2026
Gehirnjogging für Ewiggestrige
Wo die Politik nicht weiterkommt, soll die Neurologie helfen: Liya Yu untersucht linke und rechte Gehirne
Die Politikwissenschaftlerin Liya Yu greift auf die Hirnforschung zurück, um zu verstehen, warum liberale Demokratien sich zunehmend von illiberalen Populisten vereinnahmen lassen. Mit moralischen oder anderen abstrakten Betrachtungen werde man das Problem nicht lösen, argumentiert sie. Denn die Forschung zeige etwa, dass bereits Kinder unter einem Jahr beginnen, die Menschen innerhalb der eigenen Hautfarbengruppe genauer zu unterscheiden als solche mit einer anderen. Unsere Gehirne seien dazu gebaut, zu stereotypieren - schließlich mussten früher einmal Freunde von Feinden in Sekundenbruchteilen voneinander unterschieden werden.
Die "kognitive Dissonanz" bestehe heute darin, dass man theoretisch ein liberaler Geist sein kann, aber dennoch nachts in der S-Bahn einen migrantisch aussehenden jungen Mann meidet. Yu schlussfolgert daraus, "dass unser Gehirn einer modernen, sich im Wandel befindenden Welt" hinterherhinke, "weil es eben immer noch auf kognitive Mechanismen und Fähigkeiten einer vormodernen Welt" zurückgreife. Doch genau das, meint sie, könne man sich zunutze machen.
Yus Buch beginnt im Jahr 1848, als dem amerikanischen Eisenbahnbauarbeiter Phineas Gage eine Eisenstange das Hirn durchbohrte. Nach dem Unfall war Phineas nicht mehr der Gleiche. Er war impulsiv, verantwortungslos und jähzornig. Da, wo früher ein menschenfreundlicher Charakter gewesen war, hatte sich nun ein sozial schwieriger Mensch herausgebildet. In den über hundertachtzig Jahren, in denen die Hirnforschung seitdem fleißig gemessen und gescannt hat, ist sie daran anschließend zu politisch informativen Erkenntnissen gelangt.
Unter anderem, so Yu, ist man auf die Tatsache gestoßen, dass Menschen, die sich als politisch liberal bezeichnen, in der Gehirnregion anteriorer cingulärer Kortex mehr graue Zellen besitzen als solche, die sich als politisch konservativ einstufen. Da die Region mit Ambiguitätstoleranz assoziiert ist, bedeute das, dass Menschen mit viel Hirnmasse in diesem Bereich eine diverse Gesellschaft besser aushalten würden als solche, die in dieser Hirnregion dünner bepolstert sind. Um ein liberaler Geist zu sein, soll das heißen, braucht es also ein liberales Gehirn.
Im Umkehrschluss bedeutet das aber nicht, dass Menschen mit wenig Kortex-Polsterung und großer Amygdala, die für starke Emotionen sorgt, hoffnungslos verloren seien für die politische Vernunft. Denn, so die These der Autorin, die Politik könne die "neurokognitive Realität" der Probanden verändern. Es fällt sogar zweimal der Begriff "ausmerzen", wenn es um antiliberale Affekte geht. Bedeutet das, dass die Bürger ihre Hirne vermessen lassen müssten, um an den entsprechenden Stellen kognitiv nachzulegen?
So weit geht die Autorin zum Glück nicht. Sie schlägt aber tatsächlich so etwas wie ein Training der für Liberalisierung zuständigen Hirnregionen vor. Hirnforscher hätten Tricks auf Lager, mithilfe derer zum Beispiel ein unbeachteter Obdachloser von einem Objekt wieder in ein Subjekt zurückverwandelt werden könne. Durch sogenannte "multiple Kategorisierung" sei die bisherige Festlegung in Experimenten aufgebrochen worden, etwa indem Probanden ihn sich gezielt nicht als Paria vorstellten, sondern in ihm den Sohn, einen Gläubigen oder einen Marathonläufer sahen.
Doch auch die Linke bekommt ihr Fett weg. Yus Vorwurf an sie ist, dass sie mit abstrakten Moralisierungen arbeite, anstatt die "kognitive Realität" der Menschen erst mal anzuerkennen. Etwa die Angst junger Frauen vor migrantischen Männern in S-Bahnen. Rechte Populisten würden genau dort ansetzen. Yu schlägt deshalb vor, jetzt gezielt deren andere Hirnregionen zu stärken - solche, die ein differenzierteres Empfinden begünstigen.
Wie tragfähig ist so eine reduktionistische Sicht auf Gesellschaft? Kann man die theoretischen Errungenschaften der Aufklärung so einfach beiseitewischen, weil sich durch Hirntraining angeblich solidere Effekte erzielen lassen? Will man in einer Welt leben, die auf so grundsätzliche Weise die intellektuellen Fähigkeiten unserer Spezies geringschätzt?
Yus sogenannte "Neurophilosophie" kommt ziemlich breitbeinig daher, ist aber letztlich nur ein flacher Positivismus, der die jahrhundertealte Leib-Seele-Diskussion ignoriert sowie die Idee der Aufklärung, wonach der Mensch in der Lage ist, sich aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien, einer ziemlich schlichten und inzwischen auch alten Idee opfert: der, dass der Menschen letztlich nur eine Maschine sei, bei der man nur hier und da an seinem lockeren Schräubchen drehen müsse, damit sie wieder wie geschmiert laufe. Zu hoffen bleibt nur, dass kein Techkonzern auf wilde Vorstellungen wie die hier präsentierten aufspringt. KATHARINA TEUTSCH
Liya Yu: "Hirn statt Moral". Warum nur Neuropolitik den gesellschaftlichen Zusammenhalt sichert.
Econ Verlag, Berlin 2026. 224 S., geb.
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