Eva Menasse, die vielfach preisgekrönte österreichische Autorin, veröffentlicht ihren vierten Roman bei ihrem deutschen Hausverlag Kiepenheuer und Witsch mit dem Titel >> Alleinruhelage<<, welcher auf dem lasziv gestalteten Cover als ALLEIN RUHE LAGE<< zu lesen ist, eine in Österreich durchaus übliche Steigerungsform der gebräuchlichen >>Alleinlage<<.
Gemeint damit ist ein Haus, ihr Haus, Zufluchtsort vergangener Tage, Zeitzeuge von Liebe und Leben und Scheitern und vielem mehr.
Die Erzählerin spricht mit ihrem Haus wie mit einem guten Vertrauten.
Dabei ist dieses mittlerweile verwildert, verlassen und sanierungsbedürftig, ein Ehepaar mit der Unverzagtheit jener Überlebenskünstler und Zeitgenossen, die lieber anpacken und umsetzen, als unrealisierbare Theorien zu schmieden, nimmt die Instandsetzung fest in polnische Hände.
Die Sprache der beiden ist skurril, es ist ein bemerkenswerter Kontrast zum Ausdrucksvermögen von Eva Menasse, deren herausragende Wortgewandtheit ein pures Lesevergnügen generiert.
Denn die Autorin agiert mit Wortwitz, lakonischer Situationskomik und jener Distanz, die ihr ungeachtet der gleichen Muttersprache als Ausländerin in Deutschland noch immer geholfen hat, Rückschläge zu überwinden, ohne das Land wohl je ganz verstehen zu können.
Und es ist ein Text, dessen kluge Reflexionen über die Menschen in den tiefen Wäldern des brandenburgischen Ostens glücklicherweise niemals von einer KI er- und verfasst werden kann.
In einer seltenen Klarheit wird in komprimierter Form der latent noch immer schwelende Konflikt zwischen Ost und West beispielhaft an Hand der Umwidmung der Waldsiedlung, also jener Gegend um den Wandlitzsee, erklärt und dem Leser, gleich welchen sozialen Hintergrund er selbst mit sich trägt, werden die Augen geöffnet über die Schieflage der Wiedervereinigung in den 1990er Jahren.
Eine Art Lehrstück, >>exerziert an Menschen, die sich den Kapitalismus gewünscht hatten wie Durstige ein paar Schluck Wasser und stattdessen eine Sturzflut bekamen.<<
Nein, dies ist keine politische Abrechnung in irgendeine Richtung, dafür schreibt Eva Menasse viel zu klug.
Vielmehr geht es der Autorin um das Zusammenleben der Menschen in einer nahezu migrationsfreien und folglich freilich migrationsfeindlichen Gegend.
Und ja - die Autorin hält den Datschenbesitzern unnachgiebig einen Spiegel vor, ohne jemals belehrend zu klingen, all jenen, die vom früheren Zusammenhalt und der Hilfsbereitschaft des Ostens schwärmen, für den Niedergang des Handwerks von Bäckern und Metzgern den Staat ( besonderes Feinbild : die Grünen !! ) verantwortlich machen, aber zugleich im nahegelegenen Polen eine Tankladung, ein paar Stangen Zigaretten und Discounter-Billigfleisch erwerben.
Und die ihre eigenen Regeln für das Zusammenleben aufstellen und -wenn nötig- auch rabiat durchsetzen, sei es mit Geschrei, falschen Anschuldigungen oder mittels beißenden Hunden, Anklänge an frühere Stasi-Mitgliedschaften inbegriffen.
Die Erzählerin, die mit alledem klarkommen muss, nennt sie trorzdem und trotzig zugleich >>die Schtis Vorpommerns<< und bleibt dennoch immer eine Andere, eine beratungsresistente Zugereiste aus dem Süden, der es immerhin gelingt, zu ihren Mitmenschen niemals Arschloch zu sagen, obzwar sie es viele Male dachte und der nie so ganz klar werden wird, ob die stockende Kommunikation der Leute aus dieser Gegend noch auf Diktatur-Vorsicht oder auf generationenalter bäuerlicher Bockigkeit beruht.
Es gibt in diesem kleinen Roman so viele kluge Gedanken und Reflexionen über das Leben, über unterschiedliche Perspektiven, über halbblinde Großzügigkeit und Verzeihungsbereitschaft, die den Leser immer wieder innehalten lässt und zur Selbsthinterfragung einlädt.
Anders als vor Ort, wo Geschichte zurechtgebogen wird, wo die eigene Meinung bis zur Grundstücksgrenze reicht und der Schutz zu anderen Meinungen durch meterhohe Zäune realisiert wird.
Die klare Haltung von Eva Menasse, deren Erzählerin das Glück hatte, nie in einer Diktatur leben zu müssen, bildet atmosphärisch auch die Keime der Reichsbürgerszene, das Entstehen von AfD-Mehrheiten in so vielen ostdeutschen Wahlkreisen und deren allmächtige Remigrationsphantasien ab, einer der Nährböden für gegenwärtige faschistische Tendenzen in Deutschland.
Eingebettet ist die Erzählerin in ein Familienkonstrukt, die Mühen des Alltags mit den Kindern, die familiäre Reibungsenergie drohen mehrfach über ihr zusammenzubrechen.
Leider wird über das Scheitern der Beziehung mit ihrem Partner nur wenig berichtet, die Enttäuschung über eine problemreiche affärenhafte Liebesbeziehung zu Habibi ist hier dominanter.
Aber wir erfahren auch skizzenhaft etwas über ihren jüdischen Vater, der die traumatischen Erlebnisse des Holocaust durch eine ihn eigene Lebensphilosophie der ambitionslosen Ruhe, Eleganz und Freundlichkeit und der Abwesenheit von Zorn bewältigt.
Am Ende wird das sanierte Haus verkauft werden, die Erzählerin wird den Versuch wagen, aufzubrechen, sie reist mit leichterem Gepäck.
Ein klares, ein ein starkes Buch, fein mit einem Lesebändchen versehen, dem ich viele Leser wünsche, die reich belohnt werden, versprochen !