Liz Allens Debütroman In Bloom hat mich als Kind der 90er und Nirvana-Fan, aber auch vom Plot her sofort angesprochen.
Australien, 1994. Die vierzehnjährigen Mädchen Lily, Amy, Violet und Jade wachsen in prekären Verhältnissen in einer heruntergekommenen Kleinstadt auf. Ihre Mütter sind alleinerziehend, es gibt kaum Geld und viele Kinder zu versorgen:
Die meiste Zeit haben wir das Gefühl, wir wären zu teuer. Unsere Mütter können sich keine Kinder leisten, und trotzdem ist ständig ein Geschwisterchen unterwegs.
Die Mädchen verehren Kurt Cobain und Nirvana, gründen eine eigene Grunge-Band mit dem vielagenden Namen The Bastards. Sie hoffen, einem ähnlichen Schicksal wie ihre Mütter durch die Teilnahme am Talentwettbewerb Battle oft he Bands zu entkommen. Noten lesen können sie nicht, aber ihr Musiklehrer Mr. P glaubt an sie.
Wir haben keine besonderen Fähigkeiten, die uns hervorstechen lassen würden. Austauschbare Mädchen. Durchschnittliche Mädchen, die anderswo schon zurechtkommen würden. Aber hier in Vincent gibt es nach der Highschool nur zwei Möglichkeiten: Entweder man schafft es an die Uni in Adelaide, raus aus Vincent, oder man bleibt in Vincent.
Wer wissen will, was mit den austauschbaren Mädchen passiert, die hierbleiben, muss nur Kelly Cooper fragen, oder eine der anderen, die mit dunklen Augenringen hinter Kinderwagen hertrotten. Unsichtbare junge Frauen mit unsichtbaren Kindern, die sich still am Rand der Gesellschaft bewegen. Die nie einen Job finden werden, der mehr einbringt als die Sozialhilfe für alleinerziehende Mütter. Die nie einen Tag erleben werden, der sich vom Vortag unterscheidet. Wenn sie Glück haben, finden sie einen Macker mit Job. Wenn sie Pech haben, finden sie einen Macker mit Alkoholproblem.
Die Lehrer wissen, worauf wir zusteuern. Man erkennt es daran, wie ihr Blick über uns hinweggleitet, als wären wir gar nicht da.
Nur Mr P hat etwas in uns gesehen.
Potenzial in unscheinbaren Mädchen.
[...] Mr P sah uns einen Moment lang mit unergründlicher Miene an. Ihr seid gut, sagte er dann schlicht und stand auf.
Niemand hatte uns je gesagt, dass wir gut in irgendetwas wären. Unsere Lehrer in den anderen Fächern ignorierten uns [...]. Wir hatten nie die Gelegenheit bekommen, andere Hobbys auszuprobieren, Ballett, Turnen oder Chor, weil wir uns keine Vereinsgebühren oder Stunden leisten konnten. Und zu Hause waren unsere Mütter zu beschäftigt damit, uns am Leben zu halten, um uns groß zu beachten.
Mr P sah etwas in uns. Unser Talent und unsere Begeisterung für Musik, unsere Bereitschaft, alles dafür zu geben. Vielleicht sah er aber auch nur unseren verzweifelten Wunsch nach Aufmerksamkeit, nach einem Ausweg aus unserem Schicksal.
Wir glauben lieber, dass er unser Talent sah.
Als ihre Leadsängerin Lily die Band verlässt und den allseits beliebten Mr. P des sexuellen Missbrauchs beschuldigt, scheint der große Traum von der Musikkarriere zu platzen.
Mr P hatte uns im Musikunterricht beigebracht, dass die Stille nach einem Takt Generalpause heißt. Die Stille nach Lilys Abgang nutzten wir, um Luft zu holen. Die Generalpause vor dem vereinten Schrei.
Die restlichen drei Bandmitglieder sind fest entschlossen, die Anschuldigungen gegen Mr. P selbst zu untersuchen, um ihren großen Traum von einem besseren Leben zu retten. Auf der Suche nach der Wahrheit geraten sie jedoch auf einen gefährlichen moralischen Irrweg.
In Bloom ist ein atmosphärischer Coming-of-Age-Roman mit 90er Jahre Grunge Vibes, der sich subtil aufbaut und Schicht für Schicht die Mechanismen von patriarchaler Gewalt und offenlegt. Erst nach und nach entfaltet sich die Wahrheit hinter dem Schweigen.
Vielen Dank an den Unionsverlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!