
250. Geburtstag der USA - 4. Juli 2026
Von der Gründung zu Trump, vom Imperialismus zum Isolationismus, vom Glücksversprechen des Massenkonsums zum Klimawandel, von der Vormacht zum chaotischen Faktor, von der Verheißung zur Gefahr: die gemischte Bilanz der amerikanischen Epoche.
Die Vereinigten Staaten haben sich und der Welt ungeheuer viel geschenkt - und ähnlich viel zugemutet. Philipp Gasserts Bilanz der amerikanischen Geschichte und ihres internationalen Einflusses ist ambivalent und so erhellend wie ernüchternd, wenn er nachzeichnet, wie tief die kaum zu überbrückenden Widersprüche, die heute so offen zutage treten, in der Gründung und der Geschichte des Landes verwurzelt sind.
Besprechung vom 26.05.2026
Was wäre die Welt nur ohne die Amerikaner?
Philipp Gassert untersucht den Einfluss der Vereinigten Staaten auf Europa und formuliert eine kühne These
Was haben die Vereinigten Staaten uns eigentlich gebracht? Sind sie noch der "große Bruder", der nach dem Zweiten Weltkrieg die Entwicklung in Deutschland maßgeblich beeinflusst hat? Sind wir noch im "amerikanischen Jahrhundert"? Angesichts der Politik der aktuellen Regierung in Washington kann man das sicher zu Recht in Zweifel ziehen.
Da hilft es, einen Schritt zurückzutreten und nicht nur die Entwicklung der jüngsten Vergangenheit in den Blick zu nehmen, sondern die langen Linien zu betrachten - im Falle der Vereinigten Staaten die Zeit seit ihrer Gründung. Noch besser ist es, wenn man einen Führer hat, der einen an die Hand nimmt und mit dem man unaufgeregt und nüchtern den genannten Fragen nachgehen kann. Und genau das leistet Philipp Gassert in seinem neuen Werk "Die bipolare Nation - Was Amerika der Welt gegeben hat. Im Guten wie im Schlechten."
Dieses Jahr feiern die Vereinigten Staaten ihr 250. Jubiläum. Am 4. Juli 1776 nahm der Kontinentalkongress in Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung der dreizehn nordamerikanischen Kolonien von der britischen Krone an. Nicht erst seit diesem Datum war die "Neue Welt" Gegenstand zweier unterschiedlicher Betrachtungsweisen. Die einen sahen in Amerika den Ort der Hoffnung, der Liberalität. Sie erkannten dort für sich die Möglichkeit der freien Entfaltung, ohne von übergriffigen Autoritäten gegängelt zu werden. Die Gegenseite aber setzte Amerika mit Degeneration gleich. Sowohl physisch - Menschen, Tiere, Pflanzen seien mickriger als in Europa - als auch psychisch: Die Ureinwohner wurden als dumme Menschen angesehen, geistig auf dem Stand von Kindern.
Diese "Bipolarität" hat sich in den folgenden Jahrhunderten erhalten. Das zeigt der Mannheimer Historiker Gassert eindrücklich an vielen verschiedenen Aspekten. Egal, ob es um Politik, Wirtschaft oder Kultur geht, immer wenn etwas Neues aus den Vereinigten Staaten kam, wurde es begrüßt und kritisiert. Die Kritik war dabei oft genug schon in den Vereinigten Staaten formuliert worden, sie wurde also gleichsam direkt mitgeliefert. "Amerika ist beides, Imperialismus und Antiimperialismus, Gegnerschaft und Befürwortung von Sklaverei, Ausbeutung der Arbeiter und 1. Mai, Demokratie und Unterdrückung", formuliert Gassert.
Das Buch von Gassert hat jedoch zwei Probleme. Das erste ist der Ton. Während es begrüßenswert ist, dass Gassert kein staubtrockenes Buch nur für die Fachwelt geschrieben hat, sind Ausdrücke wie die Revolution wurde "ausgepustet" doch etwas sehr locker. Auch den Nachnamen des früheren irakischen Diktators Saddam Hussein hätte Gassert nennen sollen. Diese postume ostentative Respektlosigkeit hätte nicht sein müssen.
Irritierender aber ist Gasserts Nutzung von Namen. Teilweise sind sie schlicht falsch. Der New Yorker Bürgermeister heißt Mamdani, nicht Mandami, und der Titel des bekannten Buchs von Margaret Atwood lautet "The Handmaid's Tale", nicht "The Maiden's Tale".
Am befremdlichsten jedoch ist Gasserts Weigerung, den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten beim Namen zu nennen. Statt Donald Trump heißt der bei ihm nur "Mr. T". Dafür liefert er zwei Begründungen, von denen jedoch keine wirklich nachvollziehbar ist. Einerseits sei es noch unklar, wofür Trump stehe. Wird er ein Erneuerer der Politik oder der Totengräber der Demokratie? Wegen dieser Unsicherheit wolle Gassert "seinen christlichen Namen vorerst nicht andauernd im Munde führen". Doch warum? Das macht Gassert leider nicht klar.
Die zweite Begründung ist denn noch verwirrender. Gassert weist zu Recht darauf hin, dass es bereits einen "Mr. T" gibt. Es handelt sich um den Künstlernamen des schwarzen Schauspielers Laurence Tureaud. Das sorgt für ein ständiges Störgefühl, wenn vor dem inneren Auge des popkulturell geprägten Lesers andauernd ein muskulöser Schwarzer mit Irokesen-Frisur erscheint, nicht der orange anmutende Präsident mit seinem charakteristischen Comb-Over.
Gassert argumentiert, bei Tureaud handle es sich um einen professionellen Wrestler, und als solcher stehe er "für kulturelle Sensibilitäten, die der Wrestling-Fan Donald J. Trump teilt". Tureaud jedoch angesichts der vier Kämpfe, die er absolviert hat, als professionellen Wrestler zu bezeichnen, ist mindestens fraglich. Man würde ja auch nicht Michael Jordan, den sechsfachen amerikanischen Basketball-Meister, vorwiegend als Baseball-Spieler bezeichnen, weil er eine Saison in der MLB gespielt hat.
Letztlich muss man auch konstatieren, dass Donald Trump sich schon lange vom Wrestling abgewandt hat. Er ist mittlerweile Fan von Mixed Martial Arts (MMA). Der Unterschied zwischen diesen beiden Kampfformen ist fundamental. Wrestling kommt aus dem Karneval. Es handelt sich um einen Showkampf mit abgesprochenem Ende, bei dem die Kontrahenten zusammenarbeiten, um den Zuschauern eine gute Show zu bieten. MMA ist demgegenüber ein echter Kampf, dessen Ziel es ist, den Gegner bewusstlos zu prügeln.
Das theatralische Element des Wrestlings traf vielleicht noch auf Trumps erste Amtszeit zu. MMA aber symbolisiert den "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich"-Ansatz seiner zweiten Amtszeit. So verwundert es nicht, dass Trump zu seinem Geburtstag einen MMA-Kampf auf dem Gelände des Weißen Hauses ausrichten will, keine Wrestling-Show, wie Gassert sie annonciert.
Diese Unreinheiten in Gasserts Buch sind schade, lenken sie doch vom eigentlich guten Gedanken ab: "(...) die Entwicklungen in den USA im langen historischen Bogen ohne Panik zu ordnen und ohne Schaum vor dem Mund genau hinzusehen." Und vor allem der Frage nachzugehen, was bedeutet die Entwicklung in den Vereinigten Staaten für uns, für "die Zukunft der demokratischen Lebensform in der Welt"?
Gassert endet mit einem schönen, erhebenden Gedanken. Europa könne sich unabhängig von Amerika machen, schlägt Gassert vor. "Wir könnten daher sagen, dass wir die ,wahren Erben von 1776' sind, für Amerikas beste Traditionen stehen. Wir können diese Werte besser einlösen, nicht, weil wir die besseren Demokraten wären, sondern weil wir uns prinzipiell gegen Knappheitsdenken und Nullsummenspiele stellen, anders als die am American Dream völlig irre gewordenen MAGA-Gegenrevolutionäre, die nicht mehr an Amerikas Mission glauben", schreibt Gassert. So legt man das Buch dann doch positiv gestimmt aus der Hand. Angesichts der aktuellen Weltlage ist das ein Erfolg. OLIVER KÜHN
Philipp Gassert: Die bipolare Nation. Was Amerika der Welt gegeben hat. Im Guten wie im Schlechten.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2026. 352 S.
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