"Klara und die Sonne" ist der erste Roman, den Kazuo Ishiguro veröffentlicht hat, nachdem er den Literaturnobelpreis erhalten hat. Die Grundannahme dieser Dystopie hat mich von Anfang an gefesselt: In einer nicht näher beschriebenen Zukunft gibt es humanoide Roboter, sogenannte KF (Künstliche Freunde), die der zunehmenden Isolation und Einsamkeit von Jugendlichen entgegenwirken sollen.Bemerkenswert fand ich, dass Ishiguro der Künstlichen Intelligenz sichtlich offen gegenübersteht. Er zeichnet kein einfaches Schreckensbild einer von Technik beherrschten Zukunft. Problematisch ist in seinem Roman weniger die KI selbst als vielmehr der Leistungsanspruch unserer Gesellschaft und das zunehmend von Algorithmen geprägte Denken der Menschen. Das nur vage skizzierte gesellschaftliche Umfeld lässt eine starke Orientierung an Erfolg und Optimierung erkennen. Besonders deutlich wird dies daran, dass Eltern die Möglichkeit haben, ihre Kinder durch Genomeditierung zu verbessern. Diese Kinder werden als "gehobene Kinder" bezeichnet (im englischen Original: "lifted children"). Die Eingriffe sollen ihnen bessere Bildungs- und Aufstiegschancen ermöglichen, bergen jedoch gleichzeitig erhebliche gesundheitliche Risiken.Mit der deutschen Übersetzung des Begriffs bin ich allerdings nicht ganz glücklich. Das englische "lifted" enthält mehrere Bedeutungsebenen: Die Kinder werden im übertragenen Sinn gesellschaftlich "angehoben" und zugleich durch medizinische Eingriffe verbessert bzw. aufgewertet. "Gehobene Kinder" wirkt im Deutschen dagegen eher wie eine Bezeichnung für Kinder aus einer höheren sozialen Schicht und vermittelt den Zusammenhang mit genetischer Veränderung weniger direkt. Eine Übersetzung wie "aufgewertete Kinder" oder "verbesserte Kinder" würde diese Bedeutung meiner Meinung nach klarer wiedergeben.Der Roman stellt zentrale Fragen, die heute aktueller erscheinen denn je: In welchem Maß kann Menschlichkeit durch Roboter und KI nachgeahmt werden? Was macht den Menschen aus? Welche Bedeutung haben Beziehungen, Liebe und Fürsorge? Und wodurch erhält ein Leben seinen Sinn? Obwohl der Roman bereits 2021 erschienen ist, wirken diese Themen angesichts der aktuellen Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz besonders relevant.Erzählt wird die Geschichte konsequent aus Klaras Perspektive. Klara ist eine künstliche Freundin, die der kranken Josie Gesellschaft leisten soll. Ihre Wahrnehmung der Welt ist ungewöhnlich: Einerseits verarbeitet sie Informationen erkennbar digital - so zerlegt sie beispielsweise ihr Sichtfeld in einzelne Kästen. Andererseits interpretiert sie ihre Beobachtungen auf eine sehr menschliche, fast kindlich-naive Weise. Besonders die Sonne erhält für Klara eine beinahe mythologische oder religiöse Bedeutung; sie glaubt an deren heilende Kraft. Dadurch bekommt der Roman stellenweise den Charakter eines modernen Märchens. Dies passt auch dazu, dass Ishiguro den Stoff ursprünglich als Kinderbuch veröffentlichen wollte.Gerade diese Darstellung Klaras war für mich jedoch auch ein Schwachpunkt. Einerseits erscheint sie wie ein hochentwickeltes technisches System, andererseits besitzt sie Hoffnung, Glauben und Gefühle. Diese Mischung ist interessant, aber nicht immer vollständig überzeugend. Klara - oder besser gesagt ihre Darstellung - hat mich teilweise sogar etwas genervt: Es wird sehr häufig und mit nahezu denselben Formulierungen betont, dass sie sich zurückzieht, um den Menschen Privatsphäre zu lassen. Auch weist der Roman meiner Meinung nach einige Längen auf.Trotz dieser Kritikpunkte ist "Klara und die Sonne" eine äußerst lesenswerte Dystopie. Der Roman erreicht für mich nicht ganz die Eindringlichkeit und emotionale Wirkung von Ishiguros früherem Werk "Alles, was wir geben mussten", beschäftigt sich aber auf sehr anregende Weise mit Fragen nach Menschlichkeit, Einzigartigkeit, Technik und den Bedingungen eines erfüllten Lebens.