Meiner Meinung nach wurde das Potenzial nicht ganz ausgeschöpft
Das Brightstone-College erscheint Magdalena, genannt Leni, wie ein riesiges Abenteuer. Sie darf in die Welt der Superreichen eintauchen und für ein Jahr ein Leben zwischen Luxus und Polospielen führen. Mit mehreren Dingen hat sie allerdings nicht gerechnet. Zum einen, dass sich ihre Cousine Jennifer, als die sie sich am Brightstone-College ausgibt, mächtige Fehler geleistet und nun einen unsichtbaren Feind hat, der ihr in den dunkelsten Ecken auflauert. Der Fremde hat die Absicht, Leni zu töten - da er sie, aufgrund ihres ähnlichen Aussehens, für Jen hält. Des Weiteren ist da noch Mathieu, der ebenfalls in Jens Vergangenheit mitmischte und zu dem sie sich heftiger hingezogen fühlt, als sie sollte. Es gibt zu vieles, das zwischen ihnen liegt; ein zu großer Unterschied in den Gesellschaftsschichten, die Lüge, die Leni gezwungen ist, aufrechtzuhalten sowie die Tatsache, dass auch Mathieu keine weiße Weste hat. Der Collegealltag wird geprägt von verzweifeltem Sehnen, dem Zurückhalten von Wahrheiten und den Drohungen des Stalkers, der immer mehr Raum in Lenis Leben einnimmt. Und da es kommt, wie es kommen muss, spitzt sich die Lage immer weiter zu ... Ich bin ein großer Fan von den Krimis von Elisabeth Herrmann, weshalb ich nicht lange überlegen musste, ob ich auch ihr neustes Buch lese. Gleich vorneweg: Meiner Meinung nach reicht es nicht an einige andere Bücher der Autorin heran, nichtsdestotrotz hat es mir sehr gut gefallen. Was mich an ihren Romanen besonders fasziniert: Die ausgiebige und gute Recherche, die hinter jeder Geschichte steht. Auch beim "Brightstone-College" ist wieder spürbar, wie viel Liebe zum Detail zwischen den Zeilen steckt. Es dreht sich viel ums Polospielen - ohne, dass der Krimi zu einem Pferdebuch geraten ist -, und der Leser hat beinahe den Eindruck, die Autorin sei selbst eine passionierte Polospielerin. Ich muss ehrlich sagen, dass es mir zwischenrein ein wenig an Spannung gemangelt hat. Die Handlung war sehr gewöhnlich, zeitweise vorhersehbar. Die abschließende Wendung kam sehr überraschend und hat mich sprachlos zurückgelassen, jedoch hat es anfangs gedauert, bis ich mich in das Geschehen hineinfinden konnte. Vielleicht liegt das daran, dass ich das College im Allgemeinen nicht als besonders spektakulär empfunden habe. Bis auf einige Ausnahmen, ist der Schauplatz diesmal sehr alltäglich geraten. Der Schule fehlt es an Alleinstellungsmerkmalen, an dem gewissen Etwas, das sie noch eindrucksvoller gemacht hätte. Darüber hinaus hat es mir auch an Atmosphäre gefehlt. Irgendwie hat die Stimmung es nicht geschafft, mich richtig zu packen. Ich hatte das Gefühl, dass das Gesamtpaket überwiegend bloß an der Oberfläche kratzt und es nur selten schafft, in tiefere Schichten vorzudringen. Im Verlauf des Romans wurde die Handlung allerdings spannender, unerwarteter und weitgreifender, als hätte sie nur darauf gewartet, sich entladen zu dürfen. Es kommen richtiggehend atemlose Elemente vor. Viele Szenen, die es mir angetan haben, haben sich im Stall abgespielt, der wiederum eine wunderbare "Pferde-Atmosphäre" bereithält - bis hin zu dem charakteristischen Geruch; Pferdefreunde werden wissen, wovon die Rede ist. Die Hauptfigur, aus deren Sicht berichtet wird, war mir von Anfang an sehr sympathisch. Allerdings kam es mir vor, als sei ihr Charakter nicht wirklich gefestigt. Bei der Erstbegegnung habe ich sie schüchtern und zurückhaltend eingeschätzt, später tritt sie selbstbestimmter und fast untypisch entschieden auf. Natürlich kann dieser Verlauf mit den Ereignissen erklärt werden, die Leni durchlebt, aber ihre Wandlung kam mir an einigen Stellen schlichtweg unrealistisch vor. Von Mathieu, ihrem Love-Interest, kann ich mir bis jetzt kein einleuchtendes Bild zeichnen. Er ist sehr wankelmütig in seinem Auftreten, und auch wenn sein Aussehen und seine Bad-Boy-Aura Herzen höherschlagen lassen, bin ich mit ihm kaum warmgeworden. Zum Ende hin mausert er sich als etwas durchschaubarer, emotionaler und liebreizender, aber zunächst hat er bei mir nur bedingt Sympathiepunkte gesammelt. Die Beziehung zwischen den beiden hat mir gut gefallen. Das Tempo, das sie beschreitet, ist angenehm, außerdem wird nicht auf Spice, sondern auf ehrliche, tiefe Gefühle gesetzt. Wer mir ebenfalls imponiert hat, sind die Nebenfiguren. Oftmals ist es so, dass Nebenrollen wie an den Rand gedrängt wirken, hier haben sie dazu beigetragen, die Kulisse authentischer und die Geschichte ausgereifter zu machen. Sie sind alle sehr individuell und sorgen zu einem großen Teil für den Glanz des Romans. Es gibt viele Figuren, mit denen ich mich während des Lesens angefreundet habe und die aus sämtlichen Entwicklungen keinesfalls wegzudenken sind. Über den Schreibstil habe ich mich ein wenig gewundert. Er ist sehr gut und flüssig, das steht nicht zu Debatte, allerdings nicht typisch Elisabeth Herrmann. Er ist fast schon gewöhnlich, dabei habe ich die Autorin bisher mit grandios ungewöhnlichen Schreibstilen in Verbindung gebracht. Das ändert allerdings nichts daran, dass er den Leser wohlwollend durch das Buch trägt. Immer wieder brilliert er mit Passagen, die von der Gewöhnlichkeit abweichen und Unmengen an Gefühl und an tiefgehenden Gedankengängen mitbringen. Ich habe "Brightstone-College" innerhalb kürzester Zeit gelesen. Während der ersten Kapitel kam mir das Leseerlebnis noch distanziert vor, aber schlussendlich hat sich "Brightstone" zu einem Buch entwickelt, in das ich immer übergangslos zurückfinden konnte und das mich schnell eingenommen hat. Meines Erachtens nach fehlt den Protagonisten sowohl der rote Faden als auch der Facettenreichtum, dennoch bin ich vor allem Leni sehr zugetan und beeindruckt von ihrer Tatkraft und ihrer Willensstärke. Die Spannung bleibt zunächst auf der Strecke, wird jedoch bald eingeholt und kreiert zusammen mit den finalen Wendungen ein tolles Thriller-Feeling. Die Allgemein-Atmosphäre konnte mich leider nicht ganz überzeugen, dafür liebe ich, welche Rolle der Polosport in dem Roman spielt - er ist einfach mal etwas anderes und lässt den Leser mit Themen in Berührung kommen, die lediglich in den Alltag der wenigsten integriert sind. Die Grundidee des Buches ist super und hat riesiges Potenzial, wurde meiner Meinung nach allerdings nur bedingt ausgeschöpft - zumindest nicht so, wie ich es bisher von Elisabeth Herrmann kenne.