Starker Einstieg und guter Plot, verliert sich aber in Nebenschauplätzen und verschenkt einiges an Potenzial.
Mit Flut konnte mich Arno Strobel zunächst absolut neugierig machen. Besonders die kurzen Einblicke in die Gedankenwelt des Täters haben mir richtig gut gefallen. Genau diese Passagen haben die bedrückende Atmosphäre geschaffen, die ich von einem Psychothriller erwarte.Leider werden diese Kapitel im Verlauf der Geschichte immer seltener. Stattdessen rücken die Ermittlungen und die verschiedenen Bewohner sowie Urlaubsgäste der Insel stärker in den Mittelpunkt. Das ist grundsätzlich nicht schlecht, hat für mich aber dazu geführt, dass sich das Buch stellenweise eher wie ein klassischer Regionalkrimi als wie ein Psychothriller angefühlt hat. Das war überraschend, weil ich etwas anderes erwartet hatte.Dabei hat mir die eigentliche Idee hinter der Geschichte wirklich gut gefallen. Bis kurz vor Schluss hatte ich kaum klare Vorstellung davon, wer hinter den Verbrechen steckt. Der Plot ist clever aufgebaut und die Auflösung durchaus überraschend, aber hat mich nicht vom Hocker gehauen. Trotzdem fehlte mir während des Lesens immer wieder dieses gewisse Etwas, das viele andere Strobel-Bücher für mich auszeichnet. Die Spannung war vorhanden, aber selten so intensiv, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.Auch die Figuren konnten mich leider nicht vollständig überzeugen. Sie waren nicht besonders unsympathisch, aber auch nicht so interessant, dass sie lange im Gedächtnis bleiben. Die meisten Charaktere wirkten eher funktional für die Handlung. Am stärksten in Erinnerung geblieben ist mir tatsächlich Martina, allerdings vor allem wegen ihrer ausgesprochen unangenehmen Art. Hauptkommissar Harmsen konnte bei mir ebenfalls keine Sympathiepunkte sammeln. Er wirkte oft voreingenommen, gereizt und stellenweise unnötig arrogant.Ab etwa der Hälfte des Buches hatte ich außerdem das Gefühl, dass sich einige Situationen wiederholen. Bestimmte Verdachtsmomente werden mehrfach aufgegriffen, ohne die Handlung wirklich voranzubringen. Gleichzeitig werden zahlreiche Geheimnisse und Andeutungen gestreut, die später entweder nur oberflächlich aufgeklärt werden oder letztlich kaum Bedeutung für die Geschichte haben. Besonders bei Harmsen hatte ich den Eindruck, dass mehrere Geheimnisse aufgebaut werden, die sich am Ende inhaltlich stark ähneln und nicht alle notwendig gewesen wären.Die Ereignisse überschlagen sich plötzlich und führen zu einer überraschenden Auflösung. Allerdings ging mir das fast schon zu schnell. Einige zuvor verdächtige Figuren spielen auf den letzten Metern kaum noch eine Rolle, wodurch rückblickend manche Handlungsstränge wie reine Ablenkungsmanöver wirken.Positiv hervorheben möchte ich dennoch den gewohnt flüssigen Schreibstil. Arno Strobel schreibt angenehm bildhaft und sehr leicht lesbar. Die Seiten fliegen nur so dahin, selbst wenn die Geschichte zwischendurch etwas vor sich hin plätschert.Insgesamt ist Flut für mich ein solider Thriller mit einer guten Grundidee und einer gelungenen Auflösung. Gleichzeitig verschenkt das Buch aber einiges von dem Potenzial, das in der ersten Hälfte aufgebaut wird. Weniger Nebenschauplätze, mehr Täterperspektive und eine stärkere Konzentration auf die wirklich wichtigen Spuren hätten der Geschichte meiner Meinung nach gutgetan. Kein schlechtes Buch, aber definitiv nicht eines meiner Lieblingswerke von Arno Strobel. Ich bin trotzdem sicher, dass mich sein nächster Thriller wieder deutlich mehr begeistern wird.