Ruhige, poetische Nachkriegsgeschichte
England nach dem Zweiten Weltkrieg. Der große Schrecken des Krieges ist vorbei, jedoch wirft er immer noch seine langen Schatten. Lebensmittel sind noch immer rationiert, das Geld knapp und die Traumata der Heimkehrer hat sie für immer verändert. Nichts ist wie es je war. Für den sechzehnjährigen Robert fängt das Leben jedoch erst jetzt richtig an. Bevor er so wie sein Vater und dessen Vater zuvor sein Leben als Bergbauarbeiter unter Tage fristen muss möchte er das Land erkunden und geht auf Wanderschaft. Er erfreut sich an der wunderschönen Wildnis der Natur, schläft unter freien Himmel und verdient sich ab und zu mit Handlangerarbeiten etwas Geld für seine Verpflegung dazu. Eines Tages trifft er auf Dulcie Piper, die in einem kleinen Cottage nahe am Meer lebt. Er kümmert sich um ihren Garten während sie ihn zum Dank mit Speisen verwöhnt, die er noch nie gekostet hat. Dulcie ist ein Rätsel für ihn- ihr Haus wird allmählich von der Natur überwuchert, ein nahestehendes dazugehöriges Atelier fällt langsam in sich zusammen und dennoch ist ihre Speisekammer stets gut gefüllt, sie besitzt Spirituosen in Hülle und Fülle und sogar mehrere Autos. Etwas von dem andere zu der Zeit nur träumen können. Robert möchte ihrem Geheimnis auf die Spur kommen, welches sie aber hinter einer hohen Mauer des Schweigens verborgen hält, genauso wie die Aussicht aufs Meer hinter hohen wuchernden Büschen.¿Das Buch hatte ich bereits vor Längerem einmal begonnen, jedoch nach ca. 50 Seiten beiseite gelegt. Damals war es für mich zu ruhig gewesen. Wahrscheinlich war es jedoch einfach gerade noch nicht der richtige Zeitpunkt es zu lesen denn man muss der Geschichte wirklich Zeit geben sich zu entwickeln. In einem sehr unaufgeregten, aber poetischen Erzählstil nahm mich Benjamin Myers mit ins Nachkriegsengland und seinen Entbehrungen. Er schaffte es äußerst gut diese Atmosphäre zu vermitteln in der einerseits Stillstand und immer noch Schockzustand herrschte unter den Menschen, aber gleichzeitig mit jungen Leuten wie Robert der Anbeginn einer neuen Zeit.Robert empfand ich als sehr mutig einfach loszugehen und sich treiben zu lassen und konnte seine Motive dafür sehr gut verstehen. Sein Leben schien durch seine Familie vorherbestimmt. Ein letztes Mal wollte er jedoch vorher die Freiheit spüren.Dulcie hingegen konnte zurückblicken auf ein Leben voller Abenteuer, Reisen und Erlebnissen aber auch voller Schmerz. Sie nahm Robert bei der Hand und zeigte ihm, welche Chancen das Leben für ihn bereithielt, wenn er sie ergreifen würde. Ich mochte ihre unkonventionelle, lebensbejahende Art die Dinge zu sehen und wie sie zu Robert langsam Vertrauen fasste.Beide trafen sich zum richtigen Zeitpunkt und sie konnten beide voneinander lernen und sich weiterentwickeln.,,Offene See" war eine sehr schöne, atmosphärische aber auch melancholische Geschichte, die zwar etwas Geduld brauchte, jedoch es sich absolut lohnte sie zu lesen.¿