Irina Scherbakowa ist in Deutschland das Gesicht von Memorial geworden, schon lange vor ihrem Buch sah ich sie in Interviews und Zeitungsartikeln. Das von allen schon lange befürchtete Verbot dieser bedeutenden Menschenrechtsorganisation in Russland schockte mich nicht, aber es machte mich traurig. Dreißig Jahre mühevolle und engagierte Arbeit waren dahin. Auch der anteilige Friedensnobelpreis 2022 war in meinen Augen nur noch nachträglicher Trost. Der Ukrainekrieg ließ auch meinen Fokus abschweifen von den innerrussischen zu den Kriegsschauplätzen. Ich brauchte noch die Nominierung zum Deutschen Sachbuchpreis als Anstoß, um endlich dieses Buch zu lesen.
Die Autorin beginnt ihre Moskauer Erinnerungen mit ihrer frühesten Kindheit, Urlaube auf der Krim, Leben in Moskau, die Eltern, die Jahre des Stalinismus nach dem Krieg sind ihre Kindheit, die endet nicht mit dem Tod von Stalin, auch nicht mit Chruschtschows Geheimrede, aber sie geht über in eine sowjetische Jugend, sie ist 23 Jahre alt als Breschnew stirbt. Für mich war dieser erste Teil, der rund ein Drittel des Buches beansprucht, nicht sehr erkenntnisreich, über die Jahre der Stalindiktatur mit all ihren Auswirkungen auf die Menschen im Land habe ich schon so viele Bücher gelesen, Filme gesehen, es überrascht mich kaum noch etwas. Ich legte das Buch erst einmal beiseite, denn über Memorial, über das ich wesentlich weniger wusste, erfuhr ich erst einmal nichts.
Beim zweiten Anlauf hat es mich dann doch gepackt und ich habe das Buch mit großem Gewinn schnell zu Ende gelesen. Gern hätte ich noch etwas mehr über Memorial erfahren, aber das hätte vielleicht den Rahmen gesprengt. Besonders beeindruckt hat mich die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die sich über das weite Land bis in kleine Dörfer erstreckte. Der Aufruf, aus der Geschichte der Familie zu berichten, nachzuforschen, was Familienangehörigen in der Stalinzeit geschehen war, was die Familien aushalten mussten, das war eine geniale Idee. Dass daraus rund 40.000 Einsendungen wurden, die Memorial über die Jahre erreichten, zeigt das große geschichtliche Interesse auch in der Jugend. Scherbakowa beschreibt sehr eindringlich, wie dieses Interesse in der Putin-Ära unterdrückt wird, wie die, die sich immer noch für GULags und Stalinmorde interessieren, die den Holodomor in der Ukraine nicht vergessen haben, nicht die Hungerperiode in Russland unter den Tisch kehren, nicht die Tötung Andersdenkender als normal ansehen, wie sie alle als Nestbeschmutzer des edlen Russlands angegriffen und verhöhnt werden.
Ich will hier nur zwei Zitate nennen aus diesem so bedrückenden Buch der Moskauer Erinnerungen:
Wenn ich heute daran denke, mit welchen Hoffnungen Memorial 1989 gestartet war, welche Hoffnungen die Menschen in Ost wie West zu dieser Zeit gehegt haben, frage ich mich immer wieder: Wie konnte es bloß dazu kommen, dass aus diesen großen Hoffnungen verlorene Illusionen wurden? Diese Resignation, der sich Scherbakowa nicht entziehen kann, in Bezug auf die heutige Situation Russlands tut weh. Sie hat sehr richtig erkannt, dass Putin die Menschen ganz geduldig in seine gewünschte Richtung lenkte und immer noch lenkt. Sie hat in ihrem Epilog selbst ein Zitat von Erich Kästner verwendet, das auch mir für Russland keine Hoffnung macht: Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben. Scherbakowa ist nach Beginn des Ukrainekrieges emigriert, es wird ihr nicht viel nützen, wenn der Schlüssel noch passt.
Fazit: Ein Buch, dass für viele der Schlüssel zum unbekannten Russland sein kann. Es bietet den Blick ins tiefe Innere und ist stilistisch gut lesbar, was vielleicht auch Leser anlockt, die sonst eher einen Bogen um Sachbücher machen.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.