Spannende Geschichte mit ernster Thematik
Rebecca F. Kuang kann sich einfach nicht auf ein Genre festlegen. Ich warte auf den Tag, an dem sie ein Buch in einem Genre schreibt, das ihr nicht liegt, aber auch Katabasis gehört nicht dazu.Das Grundkonzept ist einfach verständlich und definitiv interessant zu verfolgen. Was erwartet sie in der Hölle und werden sie es wieder hinaus schaffen? Das erzeugt direkt eine Sogwirkung, man möchte unbedingt erfahren, wie es ausgeht.Es ist aber nicht so, als würde man das Ende herbeisehnen. Man verfolgt die Geschichte gerne. Sie ist abwechslungsreich und sowohl Alice als auch Peter sind sympathisch, vor allem je mehr man sie kennenlernt. Man erfährt genau in den richtigen Abständen neue Hintergründe, man baut stetig eine tiefere Verbindung zu den Charakteren auf und versteht immer mehr ihre Beweggründe und ihr Handeln. Und zusätzlich sorgen neue Hürden und Gefahren für Überraschungsmomente, Abwechslung und Spannung. Es wird definitiv emotional und die tiefgründigeren, emotionalen Gespräche sind bewegend. Die Hauptfiguren sind nahbar und nachvollziehbar, ihre Kommunikation und auch der Mangel daran sind sehr realitätsnah eingebaut. Sie durchleben Missverständnisse, die man selbst aus dem eigenen Leben kennt und auch ihre Hintergrundgeschichten spiegeln das Schicksal vieler anderer wider. Vor allem als Frau kennt man viele Situationen aus Alice' Leben aus dem Alltag.Rebecca F. Kuang ist bekannt dafür, Sozialkritik in ihren Büchern auszuüben. Oft ganz deutlich, in anderen Momenten subtil in die Geschichte eingearbeitet. Sozialkritik mit den Sieben Todsünden zu kombinieren ist natürlich genial. Eine bessere Grundlage bietet sich einem fast gar nicht und Kuang nutzt das gekonnt aus. Das erzeugt sehr ernste, tiefgreifende Momente, die man sich definitiv durch den Kopf gehen lässt.Das Buch ist zudem stellenweise sehr akademisch. Natürlich kann man sich die Frage stellen, ob das sein muss. Immerhin handelt es sich um ein fiktives Buch und keine wissenschaftliche Arbeit. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Buch noch mal ganz andere Facetten gewinnt, wenn man jedes Paradoxon nachschlägt und sich tiefer mit den philosophischen Fragen beschäftigt und ich bezweifle nicht, dass Kuang dahingehend ausreichend recherchiert hat. Bereichern diese Momente das Buch für Leute, die sich auf diesen Gebieten auskennen? Mit Sicherheit. Hat man das Gefühl, das einem etwas Grundlegendes entgeht, wenn man nicht alle Paradoxen versteht? Auf keinen Fall. Das Buch war für mich dennoch unterhaltend, die akademischen Stellen haben mich nicht gestört, haben den Lesefluss nicht unterbrochen oder für Verwirrung gesorgt. Man konnte die Geschichte im Gesamten trotzdem problemlos verstehen. Teilweise standen unsere Hauptfiguren ja selbst vor unlösbaren Unstimmigkeiten. Sie sind nun einmal beide ergeizig und haben hohe akademische Ziele, da ist es nur charaktertreu sie auch in dieser Diktion sprechen zu lassen.Es ist fast schon das alltagstauglichste Buch aus Kuangs Feder, andere ihrer Werke haben definitiv noch etwas mehr Tiefgang oder einfach den gewissen Wow-Effekt, aber Katabasis reiht sich trotzdem mühelos in Kuangs herausragende Bibliographie ein.