Sehr sympathisch kommt Gertrude Bell nicht rüber. Es muss aber nicht jeder sympathisch sein.
Wer war Gertrude Bell? Und wie wurde aus Mesopotamien das heutige Irak? Diesen Fragen geht der Autor Olivier Guez in diesem Roman nach, der den Prix Jean d'Ormesson 2025 abräumte. Der Kommentar und das Leseerlebnis:Das Unternehmen ist löblich, Frauen, die in ihrer Zeit bekannt waren und für ihre Zeit sogar außergewöhnlich gewesen sind, genauso sichtbar zu machen wie man dies bei Männern tut, denen man bereitwillig Denkmäler aufstellt. Was soll man auch sonst mit den vielen Steuereinnahmen anfangen? So macht auch Olivier Guez Gertrude Bell (1868 - 1926) sichtbar, eine Frau, von der ich in der Tat noch nie etwas gehört habe. Es mag mit daran liegen, dass sie schon lange tot ist, aber nicht nur. Auch Napoleon ist tot und Winston Churchill und trotzdem weiß ich, dass Napi Hämorrhoiden hatte und Churchi gerne auf dem Klo Briefe diktierte oder in der Badewanne Besucher empfing, am liebsten weibliche. Eine seltsame Vorstellung, dass diese unangenehmen Burschen von irgendjemandem geliebt wurden. Wahrscheinlich von ihren Müttern. Mit der Liebe hatte Gertrude Bell so ihre Schwierigkeiten. Ohne Zweifel war ihre engste Bezugsperson zeitlebens ihr Vater. Dieser leitete mehrere Unternehmen, die sich mit der Stahlerzeugung befassten. Er war wohlhabend und reich, aber auch gebildet und er hatte ein besseres Herz als sein eigener Vater (also Gertrudes Großvater), der diese Werke gründete und mit unerbittlicher Hand leitete, was heißt, dass er, wie in der englischen Frühindustrie üblich, die Arbeiter schuften und knechten ließ und sie bei kargem Brot und unmenschlichen Arbeitsbedingungen früh ins Grab brachte. Obwohl Vater Bell für seine Zeit ein guter Sozialist war, vielleicht sogar ein guter Mensch, und für seine Arbeiter ein ganzes Dorf errichten ließ, Gnade Gott, er hätte selber mit angefasst, darf man sich kein X für ein U vormachen lassen: Der Bellsche Reichtum fußte auf Schweiß und Blut von ausgebeuteten Menschen. Erst gegen Ende von Gertrude Bells Leben, sie starb zwei Tage vor ihrem 58. Geburtstag unter nicht ganz geklärten Umständen, ist es mit dem unermesslichen Reichtum aus der Stahlindustrie Sense und man muss sich bescheiden. Fehlentscheidungen und Dummheit haben zu dieser Situation geführt. Mein Mitgefühl hält sich in Grenzen. Auf dem Hintergrund des Familienvermögens konnte die Bellsche Tochter die Welt erobern, sprich bereisen. Dumm war sie nicht. Ganz im Gegenteil. Sie beherrschte mehrere Sprachen, hatte eine schnelle Auffassungsgabe und ein gutes Gedächtnis, hatte als erste Frau in Oxford Zeitgeschichte studiert und mit Summa cum laude abgeschlossen. Den Doktortitel verwehrte man ihr nur deswegen, weil sie eine Frau war. Skandal! Obwohl Gertie auch später noch öfters wegen ihres Frauseins diskriminiert wurde, war sie keine Anhängerin ihres eigenen Geschlechts. Bis zum Schluss war sie gegen das Frauenwahlrecht und verachtete die Suffragetten, die in England unmenschlich leiden mussten, um uns die politische Mitbestimmung zu erkämpfen! Obwohl sie selbst mancherlei Ketten sprengte, war sie in ihrem Herzen konservativ, sie huldigte Königs (schlimmes Vergehen), neigte zu Rassismus und dem üblichen snobistischen Verhalten der besseren britischen Gesellschaft. Der Imperialismus wurde ihr sozusagen in die Wiege gelegt: "Als (Königin) Victoria starb, herrschte Großbritannien über ein Viertel des Erdballs und über ein Drittel der Menschheit". Anderseits war Gertrude auch eine Systemsprengerin, sie arbeitete für den britischen Geheimdienst, wurde dafür bezahlt und unterhielt ein eigenes Büro - sie begann den Orient zu lieben. Sie reiste viel und wurde eine leidenschaftliche Bergsteigerin, auch Pferde und Ausritte mochte sie, doch immer im Damensattel (sagt der Autor). Bell trotzte dem heißen Wüstenklima und war maßgeblich daran beteiligt, den Irak zu einem Nationalgebiet zu vereinen; sie war die Königsflüsterin, auf ihren Rat hin wurde Faisal I aus haschemitischer Dynastie 1921 inthronisiert. Doch erst 1932 erlangte der Irak die formelle Unabhängigkeit von Großbritannien und wurde Mitglied im Völkerbund. Das erlebte sie nicht mehr. Malerische Passagen geben Atmosphäre: "Seitdem der Dampfer Basra Anfang Juni verlassen hat, gleitet er mit bedrohlicher Stille durch die brütende Hitze. Schilf, vereinzelte Obstgärten, Palmen so hoch wie die Häuser in New York, die Füße im Wasser , die Krone im Wind zerzaust und der steinige Boden des gefallenen Eden soweit das Auge reicht, oder ist es vielleicht doch der dattelbraune Fluss, denn es ist nicht leicht, den Hochwasser führenden Euphrat von den kümmelfarbenen Ebenen zu unterscheiden, die ihn unentschlossen rahmen". Die Gemütszustände Gertrudes, wenn sie verliebt ist, sind jedoch nah am Kitsch: "Sie befindet sich in einem Schwebezustand, träumerisch, seltsam betäubt." Gertrude war zweimal sterblich/unsterblich verliebt und beide Male unglücklich. Beide Lover sterben lange vor ihr. Gertrude war eingebildet, kompliziert,autoritär und doch autoritätsgläubig (ja, ein Mensch voller Widersprüche), rassistisch und imperialistisch, ein Kind ihrer Gesellschaftsklasse - und dann doch wieder ganz anders, bot sie gediegenen Männern die Stirn und hielt nicht damenhaft den Mund, wie man es von ihr erwartete und war "ihren" Arabern zugewandt. So ganz bekommt man sie als Leserin nicht zu fassen. Die Quellenlage mag nicht allzu üppig sein. Sie war groß und mager, keine Schönheit, aber auf ihre Art apart. Leider geht bei der vom Autor gewählten Erzählweise, man springt in der Chronologie zackig vor und zurück, die Übersicht über die Historie verloren. Es war eine spannende, schlimme und verrückte Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Die altbewährten Ordnungen wankten, das Osmanische Reich zerbrach, Türken und die Deutschen bildeten eine Allianz, Briten, Franzosen und Russen lieferten sich erbitterte Schlachten um die Vorherrschaft im Mittleren Osten. Es gab Schlachten, Gallipoli, Kut, Bagdad brannte ... Churchill reiste an, um die Kosten des Militärs zu deckeln, um sich die Ölvorkommen in Basra unter den Nagel zu reißen, und und und. Ich bin nicht ganz durchgestiegen, muss ich sagen. Ganz allgemein ging es um Selbstbestimmung der Völker/Stämme im Mittleren Osten "Ganz Ägypten lehnte den Status als Protektorat ab, den London ihm 1914 aufgezwungen hatte und forderte die versprochene Selbstbestimmung" auf der einen Seite und um die Interessen der Besatzungsmächte (Ausbeutung in Bezug auf Manpower und Bodenschätze, vornehmlich Öl) auf der anderen Seite. Ich wette, bei einer normalen Abfolge der Chronologie wäre ich besser mit den Gegebenheiten zurechtgekommen. Zusammenfassung: Ein opulenter Roman, der eine bemerkenswerte weibliche Persönlichkeit sichtbar macht, die außergewöhnlich für ihre Zeit Ausgrabungen leitete, Sachbücher und Artikel schrieb und in der Weltpolitik mitmischte.Doch bezüglich der komplizierten Gemengelage des Orients nach dem Ersten Weltkrieg hätte ich mir weniger Erzählung, weniger lyrische Details aus Gerties Liebesträumen gewünscht und mehr detaillierte Erklärungen favorisiert. Fazit: Einerseits andererseits. Ich mags nicht, wenn ich bezüglich der Historie "schwimme" und mir vieles aus Wikipedia zusammensuchen muss. Andererseits habe ich doch sehr viel erfahren und als historischer Roman kommt Guez Text trotz seiner Redundanzen nicht so süsslich rüber wie viele andere historische Romane. Kategorie: historischer RomanVerlag: Kiepenheuer & Witsch, 2026Auszeichnungen: Prix Jean d'Ormesson 2025