Atmospäre pur. Von der ersten bis hin zur letzten Seite! Ein eher stilles Buch, nichts, was sich einfach weglesen ließe - was auch viel zu schade wäre, weil eine derart poetische Sprache und eine Schatzkammer an wohlausformulierten Sätzen in der Literatur nicht (mehr) ganz so häufig anzutreffen sind. Man sollte Christiane Adlungs Roman immer wieder kurz unterbrechen, ihn kurz auf dem Schoß ruhen lassen, in die langsam vorbeiziehenden Wolken blicken, den (äußeren und inneren) Temperaturen nachspüren, das Buch wieder aufschlagen und das großartige Leseerlebnis fortsetzen... bis hin zum fulminanten Schluss. Judith und ihr Mann Robert, sie Bildhauerin, er Schriftsteller, lange Jahre schon verheiratet, reisen alljährlich in ihr Sommerhäuschen an die französische Atlantikküste, aktuell ihre 16-jährigen Zwillinge Sophie und Paula sowie Judiths Mutter Oda, die nie Mutter sein wollte, im 'Beigepäck'. Die beiden Töchter ersehnen sich ihre Zukunft, Judith ist gedanklich und emotional iimmer wieder n der Vergangenheit verortet, welche ein Geheimnis birgt, mit dem sie sich nur nach und nach auseinandersetzen kann. Und diese Auseinandersetzung nimmt Fahrt auf, als ihre beste Freundin von damals, Natascha, inzwischen selbst verheiratet, mit ihrem Mann Simon ins Nachbarhaus anreist...Auf der Handlungsebene passiert eigentlich nicht allzu viel, gleichwohl zieht sich von Beginn an ein anschwellender Spannungsbogen durch die Geschichte. Auch symbolisiert durch die ständig steigenden Temperaturen und den großen Wunsch, die Hitze möge sich endlich in einem Gewitter ergießen und entladen. Die Autorin konstruiert einen Raum, in dem das Vergangene im Gegenwärtigen stets präsent ist, ein Raum von Schuld und Zweifel, einen Raum des Zögerns, der nach Entscheidungen drängt. Je länger ich über das Gelesene nachdenke und nachspüre, desto anerkennenswerter finde ich die literarische Leistung der Autorin.