
Besprechung vom 07.06.2026
Die groteske Macht des Zynismus
Der amerikanische Journalist Patrick Radden Keefe erzählt in "Der Sohn des Oligarchen" von einem atemberaubenden Katz-und-Maus-Spiel zwischen pathologischen Lügnern. Eine der Hauptrollen hat dabei London als Spielwiese internationaler Finanzelite.
Von Johannes Franzen
Am 29. Januar 2019 um 2.23 Uhr betrat der 19 Jahre alte Zac Brettler den schmalen Balkon von Apartment 504 im noblen Riverside-Walk-Komplex in London, der direkt über der Themse liegt. Eine Kamera des gegenüberliegenden MI6-Gebäudes nahm auf, wie der junge Mann zunächst nach unten blickte, sich dann auf das Geländer stellte und sprang. Am nächsten Morgen wurde er tot am Ufer des Flusses gefunden. Wie er dorthin kam und ob sein Sprung Suizid oder einen Fluchtversuch darstellte, davon handelt Patrick Radden Keefes neues Buch "Der Sohn des Oligarchen".
Radden Keefe, der für den "New Yorker" schreibt, ist in den vergangenen Jahren zu einem der bekanntesten Autoren des erzählenden Journalismus avanciert. Seinen Durchbruch hatte er 2018 mit "Sage Nichts", das anhand eines Mordfalls die Geschichte des Nordirlandkonflikts erzählt. Dem Autor war es damals gelungen, den Fall aufzuklären - ein seltener Triumph für ein journalistisches Buch. Es folgte "Imperium der Schmerzen", eine Geschichte der Unternehmerfamilie Sackler, die das Medikament OxyContin entwickelt und unablässig vermarktet hatte. Die so ausgelöste Opioidkrise kostete Hunderttausende von Menschen in den USA das Leben. In beiden Büchern geht es um die persönlichen und systemischen Faktoren, die im Zusammenspiel eine moralische Katastrophe erzeugen, und auch das neue Buch bietet die Rekonstruktion einer solchen Katastrophe.
Es waren Zac Brettlers Eltern Matthew und Rachelle, die Radden Keefe auf die Geschichte aufmerksam machten. Von Anfang an hatten sie alles, was damit zusammenhing, genauestens dokumentiert und damit das Material für eine minutiöse Rekonstruktion des Falles geschaffen. Zac hatte sich vor seinem Tod von seiner Familie entfremdet. Er verbrachte immer mehr Zeit mit älteren Freunden, die er als Geschäftspartner bezeichnete, und deutete an, dass er an wichtigen und lukrativen Deals beteiligt sei. Einmal zeigte er seinem Vater einen Kontostand von 850.000 Pfund. Nach seinem Tod trafen sich Zacs Eltern mit einem dieser Freunde, dem 47 Jahre alten Geschäftsmann Akbar Shamji, und erst jetzt stellte sich heraus, dass ihr Sohn die ganze Zeit ein Doppelleben geführt hatte.
Seinen neuen Freunden hatte er sich als Zac Ismailov vorgestellt, Sohn eines russischen Oligarchen, der von seiner Mutter verstoßen worden war, den aber ein märchenhaft reiches Erbe erwartete. Mit dieser Fiktion verschaffte sich der Bürgersohn aus der oberen Mittelschicht Zugang zu einer Welt der großen Deals und halblegalen Machenschaften. Aber er lockte auch Menschen an, die in dem vermeintlichen Oligarchensohn ein weiches Ziel zur Ausbeutung sahen. Hier treten die beiden anderen Protagonisten des Buches auf den Plan: Neben dem windigen Akbar Shamji ist das vor allem Verinder Sharma, aus dessen Apartment Zac in den Tod stürzte. Den Eltern präsentiert sich Sharma zunächst als väterlicher Freund, der den verlorenen jungen Mann großzügig bei sich untergebracht hatte.
Im Verlauf des Buches erweisen sich diese scheinbaren Freunde immer mehr als gefährliche Raubtiere. Akbar Shamji, dessen Vater vor seiner Vertreibung aus Uganda einer der reichsten Männer des Landes gewesen war, erscheint als charismatischer Gauner und Lebenskünstler, der den angeblichen Oligarchensohn an Sharma ausliefert - einen gefährlichen Gangster, der in der Unterwelt von London als "Indian Dave" bekannt war. Beide treibt die Hoffnung, auf das angebliche Vermögen des jungen Mannes zugreifen zu können. Es entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen drei pathologischen Lügnern, die alle davon ausgehen, sie seien die Täter und die anderen die Opfer eines Betrugs.
Radden Keefe entwirft in "Der Sohn des Oligarchen" ein meisterhaftes Panorama moralischer Deprivation. Eine wichtige Funktion nimmt dabei auch die Stadt London ein, die seit der Deregulierung des Bankwesens in den 1980er-Jahren zur Spielwiese einer internationalen Finanzelite geworden ist. Auf dieser Spielwiese tummeln sich vor allem auch reiche Russen, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einen Großteil des gesellschaftlichen Wohlstands angeeignet hatten.
Die Figur des Oligarchen verkörpert eine Lebens- und Herrschaftsform, die den Charakter Londons bis zum Überfall auf die Ukraine maßgeblich prägte. Radden Keefe zitiert Bücher wie Oliver Bulloughs "Der Welt zu Diensten. Wie Großbritannien zum Butler von Oligarchen, Kleptokraten, Steuerhinterziehern und Verbrechern wurde", die den Aufstieg der Stadt zu einem Paradies für Korruption und Geldwäsche analysiert haben. Zu dieser Geschichte gehört die glamouröse Figur eines Roman Abramowitsch, der 2003 den Fußballclub FC Chelsea kaufte, genauso wie Morde und Anschläge, die russische Akteure vor der Nase einer vollkommen überforderten Polizei begingen.
Trotz dieser historischen und soziologischen Tiefe bleibt "Der Sohn des Oligarchen" ein Vertreter des Genres True Crime, dessen Ruf in den vergangenen Jahren erheblich gelitten hat. Nachdem das Genre seit Anfang der 2010er-Jahre durch Podcasts wie "Serial" und TV-Serien wie "Making a Murderer" eine gewisse Nobilitierung erfahren hatte, machte sich durch die schiere Überproduktion und die Frivolität der meisten Produkte bald eine gewisse Ernüchterung breit. Margarete Stokowski bezeichnete True Crime einmal als "Boulevard für Besserverdienende". Dahinter steht der Vorwurf, dass es sich um Sensationsjournalismus unter dem Deckmantel der edlen Reportage handelt.
Wo aber verortet sich "Der Sohn des Oligarchen"? Das Buch ist ausgesprochen spannend geschrieben. Radden Keefe ist ein virtuoser Erzähler, der Handlungsstränge und Figuren so manipulieren kann, dass man gebannt weiterlesen muss. Der Spannungsbogen folgt dabei genretypisch den Konventionen des Kriminalromans, der die wichtigsten Erkenntnisse bewusst hortet, um die Enthüllung umso befriedigender erscheinen zu lassen. Handelt es sich also auch in diesem Fall um narrative Leichenfledderei?
Tatsächlich kämpft Radden Keefe mit allen Mitteln gegen den Sensationalismus an, der seine Erzählung frivol erscheinen lassen könnte. Sein erzählerisches Gegengift ist journalistische Ernsthaftigkeit. Der Autor verzichtet auf das romanhafte Schönschreiben im Stil des New Journalism, das sich für diese Art von Buch etabliert hat. Sein Stil ist lakonisch, bewusst kunstlos. Die oft extreme Konkretion der geschilderten Szenen verdankt sich nicht der Imagination des Autors, sondern dem Aufnahmegerät und Notizbuch der Familie Brettler.
So gelingt Radden Keefe ein Porträt der moralischen Verdüsterung unserer Gegenwart am Beispiel eines individuellen Falles. Matthew und Rachelle Brettler verlieren ihren Sohn an eine Kultur, in der Materialismus und Zynismus zu den wichtigsten Tugenden gehören. Als Zac in die exklusive Privatschule, die schon sein Bruder besucht, nicht aufgenommen wird, muss er in eine teure, allerdings weniger renommierte gehen. Dort trifft er auch auf die Kinder russischer Geschäftsleute, von deren Kultur er sich magisch angezogen fühlt. Er entwickelt eine Obsession für die äußeren Anzeichen des Reichtums, die seine Eltern immer mehr irritiert. An einer Stelle heißt es, sie seien fassungslos gewesen, "als Zac vorschlug, sie müssten sich doch mal ein schickeres Auto oder ein Haus kaufen".
Matthew und Rachelle Brettler erscheinen in dieser Erzählung, die von Lügnern, Betrügern und Verbrechern handelt, wie ein moralischer Anker. Das ist auch nicht verwunderlich, da sie die wichtigsten Zeugen der Erzählung sind. Man spürt eine deutliche Sympathie des Autors für das Paar, das auf so tragische Art und Weise ein Kind verloren hat. Allerdings liegt in dieser Sympathie auch ein Problem des Buches, der Grund für eine gewisse analytische Blindheit, nicht sehen zu wollen, wie sehr die Brettlers selbst in das System verstrickt sind, das Zac zum "Sohn des Oligarchen" gemacht hat.
In der Welt der Brettlers, in der man zwar wohlhabend ist, diesen Wohlstand aber nicht ostentativ vor sich herträgt, scheint der bürgerliche Mythos sanfter Meritokratie nach wie vor intakt zu sein. Hier soll man sich viel Mühe geben, sich aber auch nicht zu sehr um das Materielle kümmern. Für Zac Brettler bricht dieser Mythos zusammen, als er nicht auf dieselbe Schule gehen darf wie sein Bruder und stattdessen durch den langen Weg zu der teuren Ersatzschule täglich mit dieser Demütigung konfrontiert wird. Der linksliberale Kapitalismus der Familie Brettler erweist sich also schon zu Beginn als Selbstbetrug, der von Zac - dem Verlierer in diesem System - mit besonderer Schärfe empfunden wird. Es ist ein Milieu, das sich zwar um teure Autos nicht schert, in der man aber bereits früh gezwungen wird, mit dem eigenen Bruder akademisch zu konkurrieren.
Gegen diese Welt erscheint der offene Zynismus einer Welt der Oligarchen, in der ganz klar und unverhohlen das Recht des Stärkeren gilt, als fast natürlicher Zufluchtsort für einen jungen Mann, der sich von seinem Herkunftsmilieu verstoßen fühlt. Die Geschichte Zac Brettlers handelt also nicht von einem jungen Mann aus gutem Hause, der von einer amoralischen Kultur verführt wurde, sondern von einer Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage ist, die Versprechen, die an den bürgerlichen Leistungsgedanken gebunden waren, einzuhalten - eine Gesellschaft, die bürgerliche Werte predigt, aber harschen Konkurrenzkampf lebt.
Und so findet man in diesem Buch auch eine Geschichte, die erklären kann, warum die groteske Ideologie des Zynismus, die von karikaturesken Politikern und Influencern überall mit katastrophalem Erfolg verkauft wird, gerade bei jungen Menschen so viel Anklang findet.
Patrick Radden Keefe: "Der Sohn des Oligarchen: Über die globale Macht der Superreichen und den Niedergang einer Weltstadt". Aus dem Englischen von Hannes Mayer, Hanserblau, 478 Seiten
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