Mit Dunkel wie die Nacht legt Ørjan N. Karlsson einen packenden zweiten Fall für seinen Ermittler Jakob Weber und dessen Kollegin Noora Yun Sande vor. Schauplatz ist die karge, raue Natur Nordnorwegens, die eine perfekt unheilvolle und düstere Kulisse für diesen vielschichtigen Kriminalroman bildet.
Die vermeintliche Idylle der abgelegenen Ferieninsel Kjerringøy nördlich des Polarkreises bekommt tiefe Risse, als ein eiskaltes Bad nach dem Saunagang in einem privaten Hafenbecken mit dem schockierenden Fund einer grausam zugerichteten Wasserleiche endet und bei der es sich ausgerechnet um den vermissten Ex-Freund einer der Finderinnen handelt. Die Spuren führen zu einer exklusiven Privatklinik, deren Chef sich jedoch als wenig kooperativ erweist. Als kurz darauf eine zweite Leiche auftaucht, wird unmissverständlich klar: Hier zieht ein Täter im Hintergrund kalkuliert seine Kreise. Besonders spannend ist dabei der geschickte Brückenschlag zum ungelösten Fall der verschwundenen Iselin Hanssen aus dem ersten Band, was der Gesamthandlung eine packende übergeordnete Dynamik verleiht.
Neben dem fesselnd aufgebauten Kriminalfall steht vor allem das Privatleben und die psychologische Verfassung des Ermittlerteams im Fokus.
Jakob Weber ist frisch verwitwet und von tiefer Melancholie sowie einem drohenden Burnout gezeichnet, kämpft nicht nur an beruflicher Front, sondern muss sich auch privat um seinen jüngeren Halbbruder Ola André kümmern. Seine verletzliche, unperfekte Seite macht ihn als Charakter ungemein nahbar und liebenswert. Derweil versucht seine junge Kollegin Noora Yun Sande mit allen Mitteln zu verbergen, dass sie nach ihrer schweren Verletzung im Dienst körperlich noch längst nicht wieder voll einsatzfähig ist. Diese persönlichen Krisen verleihen den Figuren eine immense Tiefe, ohne jedoch die eigentliche Kriminalhandlung zu erdrücken. Ergänzt wird das ungleiche Team durch die frisch eingestellte Kriminaltechnikerin Theresa und den pensionierten Kollegen Rolf eine hervorragende Kombination aus moderner Technik, frischem Talent und tief verwurzelter kriminalistischer Erfahrung. Demgegenüber steht eine unvollkommene Polizeiführung, die das Team zwingt, sich weiter zusammenzuraufen, während im Hintergrund ein fesselnder Handlungsstrang tiefen Einblick in die Denkweise und Motive des Täters gewährt.
Karlsson erzählt die Geschichte aus verschiedenen, sorgfältig gewählten Perspektiven, was die Dynamik im Laufe der Handlung rasant anziehen lässt. Der Schreibstil ist angenehm flüssig und trotz der komplexen Verstrickungen immer übersichtlich. Auch wenn man ohne Vorkenntnisse des ersten Bandes problemlos in die Geschichte hineinfindet, entfaltet das Buch gerade durch die fortlaufenden Handlungsfäden rund um einflussreiche, wohlhabende Kreise seine volle Faszination. Die Story gipfelt in unerwarteten Twists und einem geschickt gesetzten, halboffenen Ende, das die Neugier auf die Fortsetzungen perfekt anheizt.
Ein grandioser, tiefgründiger Skandinavien-Krimi, der mit atmosphärischer Dichte, psychologischem Geschick und einem großartigen Ermittlerteam auf ganzer Linie überzeugt. Trotz kleinerer offener Fragen am Ende eine absolut solide und packende Fortsetzung, die Lust auf mehr macht.
Ein Muss für jeden Thriller- und Krimi-Fan verdiente 5 von 5 Sternen und eine uneingeschränkte Leseempfehlung!