Grandios!
Also das Buch war wirklich im wahrsten Sinne des Wortes eine Reise. Echt abgefahren! Daher gleich zu Beginn: LESEEMPFEHLUNG! Martin Zinggl, Jahrgang 1983, österreichischer Reporter, Autor, Filmemacher und Fotograf, ist offensichtlich kein Mensch, der in einer Krise ins Fitness-Studio geht oder anfängt zu meditieren. Er geht stattdessen los und das buchstäblich. Nämlich zu Fuß von Wien nach Istanbul auf dem sogenannten Sultans Trail: einem Wanderweg, der grob der Route folgt, auf der Sultan Süleyman I. 1529 mit seiner Armee in die umgekehrte Richtung marschierte. Zinggl brauchte dafür 102 Tage. Der Sultan brauchte 141. Ein kleiner Triumph am Ende eines langen Leidenswegs. ;)2.400 Kilometer, acht Länder - Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Griechenland, Türkei - und eine körperliche Ausgangslage, die man vorsichtig mal nicht als ideal bezeichnen würde. Zinggl ist gesundheitlich angeschlagen, als er aufbricht, und das Buch macht keinen Hehl daraus. Was daraus entsteht, ist aber keine Märtyrer-Geschichte, sondern ein Reisebuch mit viel Tempo, viel Liebe und viel Ironie. Zeitweise hat man einfach das Gefühl, man würde mit ihm mitlaufen und sich dann über die jeweilige Situation unterhalten, an anderen Stellen kann man seine Stimme hören, als würde ein Freund auf der Couch von seiner Reise berichten. Es ist einfach so herrlich. Und ganz oft leidet man mit ihm so hart mit!Das ist die eigentliche Qualität dieses Buches. Zinggl ist Journalist, und das merkt man an der Qualität und der Tiefe des Textes. Der Weg entlang des Balkans ist auch ein Weg entlang der sogenannten Balkanroute, auf der in den Jahren davor Hunderttausende Menschen nach Norden flohen und diese Schicht ist im Buch durchgehend spürbar, ohne dass sie aufdringlich in den Vordergrund gedrängt wird. Die Presse am Sonntag schrieb, der Weg nach Osten mit seinen Begegnungen und Grenzgängen sei so beeindruckend wie spannend ¿ und lustig. Das trifft es gut. Ö1 zog den Vergleich mit Hape Kerkelings Jakobsweg-Klassiker, garniert mit österreichischem Humor.Was man dem Buch vielleicht anmerken kann: Ob sich die Krise, aus der Zinggl aufgebrochen ist, durch das Gehen wirklich aufgelöst hat, bleibt am Ende offen. Für manche wird das die ehrlichste Antwort sein, die ein solches Buch geben kann. Für andere könnte es unbefriedigend wirken - vor allem jene, die ein sauberes Erweckungserlebnis erwarten, nach dem alles anders und besser ist, suchen hier vergeblich. Für mich persönlich ist es genau richtig so, wie es ist!Empfehlen würde ich das Buch daher allen, die Reiseliteratur mögen, die nicht nur Schönheit beschreibt, sondern auch den ehrlichen harten Alltag solcher Abenteuer. Menschen, die neugierig auf Südosteuropa sind, aber nicht auf Reiseführer. Wer dagegen eine spirituelle Pilgerreise mit großer innerer Wandlung erwartet, ist hier nicht richtig. Das ist kein Spaziergang. Aber es ist auch kein Selbsterfahrungstrip. Es ist einfach ein sehr gutes Buch übers Gehen. Und ich finde, das man das unbedingt lesen sollte!