München von Robert Harris beweist eindrucksvoll, dass ein historischer Spannungsroman auch dann fesseln kann, wenn der Leser den Ausgang der Geschichte bereits kennt.Gerade das hat mich am meisten beeindruckt. Natürlich weiß jeder, welche historischen Ereignisse auf das Münchner Abkommen folgen werden. Dennoch gelingt es Harris hervorragend, die Unsicherheit, Anspannung und latente Angst dieser Tage greifbar zu machen. Mit jeder Seite spürt man, wie sich Europa auf einen Wendepunkt zubewegt. Nicht das "Was passiert?" erzeugt Spannung, sondern das Gefühl, mitten in einem historischen Moment zu stehen, dessen Tragweite die Figuren nur erahnen können.Dazu trägt auch der sehr flüssige Schreibstil bei. Kurze Kapitel, häufige Perspektivwechsel und ein gutes Erzähltempo sorgen dafür, dass der Roman trotz seines historischen Hintergrunds nie trocken oder langatmig wirkt.Auch die Figuren haben mir gut gefallen. Sie erreichen zwar nicht die emotionale Tiefe eines klassischen Charakterromans, wirken aber genau so ausgearbeitet, wie es die Geschichte benötigt. Harris verliert nie das eigentliche Thema aus den Augen und stellt die historischen Ereignisse konsequent in den Mittelpunkt. Besonders positiv fand ich außerdem, dass weder die deutschen noch die britischen Figuren eindimensional gezeichnet werden. Trotz klarer moralischer Positionen bleibt genug Raum für Zwischentöne und menschliche Ambivalenz.Ein wenig verschenktes Potenzial sehe ich allerdings in einigen Nebenhandlungen. Einzelne Handlungsstränge wirken für mich weder für die Figurenentwicklung noch für die eigentliche Geschichte wirklich notwendig und hätten den Roman auch ohne großen Verlust verlassen können.Fazit:München ist ein hervorragend recherchierter und spannend erzählter historischer Roman, der eindrucksvoll zeigt, wie viel Spannung auch dann entstehen kann, wenn das Ende längst bekannt ist. Wer historische Stoffe, politische Intrigen und atmosphärische Spannung mag, wird hier bestens unterhalten. Für die Höchstwertung fehlte mir lediglich der letzte emotionale Funke und der Mehrwert einiger Nebenhandlungen.