Figuren mit Tiefe, spritzige Dialoge, aber eine fragwürdige, pessimistische Darstellung von Alter und Freunschaft
Drei Frauen, alle über siebzig, treffen sich in einem Strandhaus, das einst ihrer verstorbenen Freundin Sylvie gehörte. Eigentlich ist es ein ganz praktisches Vorhaben: Auf Wunsch von Sylvies Lebensgefährtin sollen Adele, Wendy und Jude das Haus ausräumen und für den Verkauf vorbereiten. Doch dieses letzte gemeinsame Wochenende wird schnell zu einer schonungslosen Bestandsaufnahme - ihrer Freundschaft, ihrer Lebensentwürfe und ihres Älterwerdens.Adele, die extrovertierte ehemalige Schauspielerin, ist nach wie vor attraktiv und voller Energie, aber beruflich längst auf dem Abstellgleis gelandet. Ohne Engagements, ohne finanzielle Sicherheit und gerade von ihrer Partnerin verlassen, versucht sie, ihre Fassade der Unbeschwertheit aufrechtzuerhalten. Wendy dagegen ist eine erfolgreiche feministische Intellektuelle, deren öffentliches Leben deutlich geordneter wirkt als ihr privates: Die Beziehung zu ihren Kindern ist schwierig, und gleichzeitig kann sie sich nicht von ihrem alten, fast blinden und tauben Hund trennen, obwohl dessen Leid offensichtlich ist. Jude schließlich, kultivierte Gastronomin und selbstbewusste Persönlichkeit, lebt seit Jahrzehnten als heimliche Dauergeliebte eines reichen, verheirateten Mannes - eine Entscheidung, die viel über ihre Einsamkeit und ihre Sehnsüchte verrät.Charlotte Wood zeichnet ihre Figuren sehr genau und mit großer sprachlicher Sicherheit. Die Dialoge sind scharf, oft böse und manchmal auch komisch. Die Gedanken der drei Frauen sind voller Gemeinheiten, Neid und unausgesprochener Vorwürfe - vieles bleibt nicht länger verborgen, manches wird ausgesprochen. Das macht die Figuren lebendig und glaubwürdig. Wood fängt die Unterschiede zwischen Selbstbild und Fremdwahrnehmung hier sehr treffend ein.Trotzdem habe ich mich mit dem Buch schwergetan. Nicht wegen des Schreibstils - Charlotte Wood kann ohne Frage schreiben. Die Geschichte hat Tempo, die Figuren besitzen Tiefe, und die Mischung aus Tragik und trockenem Humor funktioniert durchaus. Mein Problem liegt eher in der Aussage des Romans: Was möchte die Autorin mit dieser Darstellung erreichen?Denn die drei Frauen erscheinen letztlich allesamt auf die eine oder andere Weise als gescheitert. Alter wird hier vor allem mit Verlust verbunden: mit nachlassender Attraktivität, Einsamkeit, körperlichem Verfall, unerfüllten Hoffnungen und dem Gefühl, dass die besten Jahre vorbei sind. Zwar verweigert Wood bewusst ein idealisiertes Bild vom "weisen und glücklichen Alter" und zeigt stattdessen eine unbequeme Realität - ein Ansatz, bei dem ich durchaus mitgehe. Aber ich empfand diese Perspektive als zu pessimistisch, Altern und alt sein wird hier als durchweg negativ beschrieben.Außerdem hat mir ein tieferer Zugang zur Freundschaft dieser Frauen gefehlt. Man erfährt, dass Sylvie offenbar das verbindende Element der Gruppe war und die fragile Balance zwischen den Freundinnen aufrechterhielt. Aber warum diese vier Frauen über Jahrzehnte verbunden waren, was sie einander gegeben haben und warum diese Freundschaft trotz aller Konflikte Bestand hatte, bleibt für mich zu sehr im Hintergrund."Ein Wochenende" ist damit ein Roman, der interessante Fragen stellt: Wie verändern wir uns im Alter? Was bleibt von langjährigen Freundschaften, wenn eine zentrale Person fehlt? Wie ehrlich sind wir mit uns selbst? Charlotte Wood liefert darauf keine einfachen Antworten und schreibt mit großer Beobachtungsgabe. Dennoch blieb bei mir nach der Lektüre ein zwiespältiger Eindruck zurück: ein sprachlich starker, kluger Roman mit gelungenen Figuren - aber auch ein Werk, das ein für mich zu düsteres und einseitiges Bild von Alter und Freundschaft zeichnet.