"Richtiges Lesen rettet vor allem, einschließlich vor einem selbst.""Lesen ist eine seltsame Tätigkeit, ebenso wie Küssen." Dieses Zitat von Jean Cocteau stammt nicht aus diesem Buch, aber es hätte doch sehr gut hineingepasst; denn es illustriert, wie ich finde, recht schön wie schwierig es ist, sich dem Lesen in Vergleichen, Ansichten, Beschreibungen und Texten zu nähern. Denn genauso wie bei der Liebe will man auch das Lesen nicht angetastet, analysiert oder erklärt, sondern verstanden sehen - und das Verständnis, in Wort und Schrift, von Mensch zu Mensch, ist immer noch eine der größten Herausforderungen der Literatur und gleichsam ein Zeichen, an dem man große/schöne Literatur erkennen kann, wenn ihr dieses Kunststück gelingt."So entdeckte er die paradoxe Wirkung des Lesens, die darin besteht, uns von der Welt abzulenken und dabei einen Sinn für sie zu finden."Daniel Pennacs wundervolles Buch ist vieles: Vor allem und zuerst eine Liebeserklärung. Aber auch Reflexion über das Lesen und die Lesekultur, angefüllt mit einigen Geschichten und Anekdoten über das Lehren und die Begegnung mit Literatur; des Weiteren ist es hier und da auch ein bisschen schelmisch-amüsant-polemisch gegen die festgefahrenen Strukturen, in denen man das Lesen heute im gesellschaftlichen Konsens - einzig - vertreten sehen will und propagiert.Und es ist auch, nicht zuletzt, unter der Hand, eine Rückführung in die Ausläufer einer magischen Welt, in der wir uns als Kinder einst dem Lesen gegenüber nicht wie einem Spiegel, sondern einer offenen weiten Welt voller Wunder benahmen."Die Zeit zum Lesen ist immer gestohlene Zeit. (Genauso wie die Zeit zum Schreiben, übrigens, oder die Zeit zum Lieben.)Wem oder was gestohlen?Sagen wir, der Pflicht zu leben. [...]Die Zeit zum Lesen dehnt, wie die Zeit zum Lieben, die Lebenszeit."Pennac hat hier ausgebreitet, was das Herz erwärmt und gleichzeitig nachdenklich stimmt; beschreibt und nennt hier vieles, was einen kurzzeitig in sich selbst versenkt und einen doch wieder gerade aus dem selbst in die Welt hinausholt. In kurzen Kapiteln macht er mit uns Ausflüge in die verschiedensten Besitztümer und Zweige des Lesens - und es ist eine helle Freude und doch eine Reise, bei der man viel lernen kann: Über das Lesen, die Faszination und sich selbst.Vielleicht wird man danach das Lesen neben seinen anderen Vorzügen auch wieder als das Wunder der bloßen Lust am Lesen und Imaginieren und der Zweckfreiheit begreifen, der Zweckfreiheit, "die die einzige Währung der Kunst ist." Und vielleicht auch die zehn wundervoll erläuterten Rechte des Lesers endlich in Anspruch nehmen wollen(ganz unten), die Pennac am Ende anführt und die ein paar der schönsten Ansichten zu Literatur enthalten, die ich je gelesen habe."Wiederlesen ist nicht wiederholen, es ist der ständig erneuter Beweis einer unermüdlichen Liebe."Anhang: [SPOILER] Noch drei längere Zitate aus dem Buch + die Rechte des Leser.Über das Schweigen über die Lektüre nach dem Lesen:"Das Schweigen ist der Garant für unser intimes Verhältnis zum Buch. Es ist ausgelesen, aber wir sind noch drin. Das bloße Zurückdenken daran ist eine Ausflucht für unsere Ausflüchte. Es bewahrt uns vor der großen Außenwelt. Es bietet uns eine Beobachtungswarte weit oberhalb der zufälligen Szenerien. Wir haben gelesen und wir schweigen. Wir schweigen, weil wir gelesen haben."Über das, was uns wichtig ist:"Das Schönste, was wir gelesen haben, verdanken wir meistens einem uns teuren Menschen. Und mit einem uns teueren Menschen werden wir zuerst über die Lektüre sprechen. Vielleicht eben weil das Charakteristische des Gefühls - wie des Wunsches zu lesen - darin besteht, vorzuziehen. Lieben heißt letztendlich, denen, die wir vorziehen, das zu schenken, was wir vorziehen. Und dieses Teilen macht die Zitadelle unserer Freiheit aus."Die zehn Rechte des Lesers1. Das Recht, nicht zu lesen.2. Das Recht, Seiten zu überblättern.3. Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen.4. Das Recht, noch einmal zu lesen.5. Das Recht, irgendwas zu lesen.6. Das Recht auf Bovarysmus7. Das Recht, überall zu lesen8. Das Recht herumzuschmökern9. Das Recht, laut zu lesen.10. Das Recht zu schweigen:"Der Mensch baut Häuser, weil erlebt, aber er schreibt Bücher, weil er weiß, dass er sterblich ist. Er wohnt im Rudel, weil er ein Herdentier ist, aber er liest, weil er weiß, dass er allein ist. Dieses Lesen ist für ihn eine Gefährte, der keinem anderen den Platz wegnimmt, der aber auch von keinem anderen ersetzt werden könnte. Es bietet ihm keine letztendliche Erklärung seines Geschicks, webt aber ein Netz von Einverständnissen, die das paradoxe Glück zu leben selbst dann noch ausdrücken, wenn sie die tragische Absurdität des Lebens verdeutlichen. Demnach sind unsere Gründe zu lesen genauso seltsam wie unsere Gründe zu leben. Und niemand ist befugt, von uns über so etwas Vetrauliches Rechenschaft zu verlangen."