Manche Bücher enttäuschen, weil sie ihre Versprechen nicht einlösen. Andere enttäuschen, weil sie zeigen, wie gut sie hätten werden können. Dschinns von Fatma Aydemir gehört für mich zur zweiten Kategorie.Der Roman beginnt mit einem starken Bild: Hüseyin Y¿lmaz, der Jahrzehnte als Gastarbeiter in Deutschland gearbeitet und gespart hat, erfüllt sich endlich seinen Traum von einer Eigentumswohnung in Istanbul. Doch kaum ist er eingezogen, stirbt er an einem Herzinfarkt. Seine Familie reist nicht zur Wohnungsbesichtigung, sondern zu seiner Beerdigung. Ausgehend von diesen 48 Stunden entfaltet Aydemir die Geschichte einer Familie, deren Wunden und Geheimnisse weit über drei Jahrzehnte zurückreichen.Jedes Kapitel gehört einer anderen Figur. Hüseyin, seine Frau Emine und die vier erwachsenen Kinder erhalten ihre eigene Stimme. Besonders die Kapitel von Hüseyin und Emine, die in der Du-Form erzählt werden, stechen dabei hervor. Dieser ungewöhnliche Kunstgriff erzeugt eine besondere Nähe und zog mich von Beginn an in die Geschichte hinein.Überhaupt liegen die größten Stärken des Romans in seinen Figuren. Besonders Sevda und Peri blieben mir im Gedächtnis. Ihre Kapitel zeigen eindrucksvoll, wie unterschiedlich die Mitglieder einer Familie mit Herkunft, Erwartungen und persönlichen Freiheiten umgehen. Aydemir schreibt dabei lebendig, emotional und oft mit großer Beobachtungsgabe. Auch die Themen Migration, Identität, familiäres Schweigen und gesellschaftliche Ausgrenzung sind klug gewählt und besitzen hohe Relevanz.Genau hier liegt jedoch für mich auch die größte Schwäche des Romans.Mit jedem Kapitel kommen neue Konflikte, Traumata und gesellschaftliche Problemfelder hinzu. Homosexualität, patriarchale Familienstrukturen, Diskriminierung, kurdische Identität, Gewalt, Kriminalität, Abtreibung, Suizid, Geschlechtsidentität und weitere familiäre Geheimnisse - irgendwann hatte ich das Gefühl, dass immer noch eine weitere Schicht auf die Geschichte gelegt wird. Nicht die einzelnen Themen wirken dabei unglaubwürdig. Jedes für sich könnte eine starke Geschichte tragen. In ihrer Häufung verlieren sie jedoch an Wirkung.Besonders das letzte Kapitel hat meinen Gesamteindruck geschwächt. Während sich dort zunächst ein bewegender Moment zwischen Emine und ihrer Tochter Sevda entwickelt und endlich echte Annäherung möglich scheint, werden weitere dramatische Enthüllungen nachgereicht. Statt emotionaler Betroffenheit stellte sich bei mir zunehmend das Gefühl ein, dass der Roman seine eigene Geschichte überlädt. Die Figuren geraten dabei stellenweise in Gefahr, mehr Träger gesellschaftlicher Debatten als eigenständige Menschen zu werden.Das ist schade, denn die Grundlage von Dschinns ist hervorragend. Die Idee überzeugt, die Figuren sind interessant, und Fatma Aydemir beherrscht ihr Handwerk ohne Zweifel. Gerade deshalb fällt es umso mehr ins Gewicht, dass der Roman für meinen Geschmack irgendwann die Balance verliert. Wie bei einer Schraube, die immer weiter angezogen wird, bis sie schließlich überdreht.Trotz dieser Kritik bleibt Dschinns ein lesenswerter, sprachlich starker und ambitionierter Roman. Mich hat er jedoch am Ende mehr beeindruckt als berührt.