Was immer Frauen taten, es war niemals einfach Macht. Es war weibliche Macht und damit erklärungsbedürftig. (S. 342)
Mit diesen treffenden Worten bringt die Wiener Historikerin und Content Creatorin Samra Kljajic (@geschichtegram) den Kern ihres neuen Sachbuchs Femme fatale. Die weibliche Macht im Schatten der Geschichte, erschienen im dtv Verlag, auf den Punkt. Das rund 400-seitige Buch widmet sich der zentralen Fragestellung warum wird der historische Einfluss von Frauen ob Königin, Mätresse oder Kurtisane bis heute fast ausschließlich durch die Brille von Skandal, Verführung und moralischer Verderbtheit betrachten. Kljajic bricht mit diesen verkrusteten Narrativen und zeigt, dass hinter den vermeintlichen Sündenregistern hochpolitische Strategien und knallharte Überlebenskämpfe in einer zutiefst patriarchalen Welt stecken.
Meine Meinung
Dieses Buch hat mich intensiv beschäftigt. Vom Aufbau her fand ich das Werk prinzipiell sehr gelungen. Es ist eine spannende Mischung aus persönlicher Spurensuche der Autorin, wunderbar greifbar gemacht am Beispiel von Schneewitchens böser Stiefmutter als listige Matriarchin (S. 11), einer theoretischen Meta-Ebene und handfesten historischen Inputs samt vielen Kurzbiografien mächtiger Frauen. Wir reisen chronologisch und thematisch von den Herrschaftsinszenierungen des Mittelalters über das institutionalisierte Mätressentum in Frankreich bis hin zu den Konkubinen des Osmanischen Reiches und den Kurtisanen des 19. Jahrhunderts.
Was mich inhaltlich absolut überzeugt hat, ist die Dekonstruktion des Begriffs Femme fatale. Kljajic macht deutlich, dass diese Figur ein patriarchales Konstrukt ist, das aus der Angst vor weiblicher Autonomie geboren wurde. In dieser Verzerrung liegt der Kern der historischen Femme fatale: nicht die Frau, die verführt, sondern die Frau, die handelt und deshalb verurteilt wird. Nicht die Femme, sondern das fatale Urteil (S. 15). Super stark und augenöffnend war das Buch für mich vor allem an der Stelle, an der die Struktur des höfischen Systems seziert wird. Die Rolle der maîtresse en titre in Frankreich war eben keine bloße Bettaffäre, sondern die höchste informelle Karrierestufe, die eine Frau an absolutistischen Höfen erreichen konnte (S. 225). Kljajic erinnert uns daran, dass ein Einfach gehen für diese Frauen den totalen sozialen und existenziellen Absturz bedeutet hätte (S. 314).
Trotz der inhaltlichen Dichte hatte ich beim Lesen allerdings ein wenig Mühe mit dem Schreibstil. Das Buch lässt sich zwar grundsätzlich gut lesen, aber der Funke wollte stilistisch nicht komplett überspringen; der Ton war für mich einfach nicht so catchy und packend, wie ich mir das bei diesem Thema gewünscht hätte. Dadurch zog sich die Lektüre stellenweise, obwohl die Fakten extrem spannend sind. Zudem bin ich über einige Formulierungen gestolpert, bei denen es mir an Diskriminierungssensibilität gefehlt hat. Begriffe wie betriebsblind (S. 11) reproduzieren unbewusst ableistische Sprache, und die traditionelle Einordnung des Jahres 1492 als Entdeckung Amerikas (S. 99) klammert die Gewalt der Kolonialisierung sprachlich aus. Hier hätte ich mir schon alleine angesichts des inhaltlichen Themas des Buches eine machtkritische, sensiblere Wortwahl erwartet/gewünscht.
Was bleibt am Ende bei mir hängen?
Das Buch ist definitiv eine Bereicherung für echte Geschichtsnerds und ich durfte unheimlich viel Wissen mitnehmen. Mein größtes Learning: Wir müssen weibliche Macht historisch betrachtet völlig neu und losgelöst von unseren alten Mustern denken. Macht ist ein Attribut, das wir gesellschaftlich fast automatisch Männern zuschreiben und an ganz spezifische, männlich geprägte Vorstellungen von Performance knüpfen. Kljajic zeigt eindrucksvoll, dass Frauen eigene, oft unsichtbare Wege der Machtperformance nutzen mussten. Ein herzliches Dankeschön an den dtv Verlag für das Rezensionsexemplar!